Nach Gründung der Gehörlosenambulanz bei den Barmherzigen Brüdern in Linz hat Dr. Johannes Fellinger mit der „Lebenswelt Schenkenfelden“ einen weiteren Maßstab in der Arbeit für Gehörlose gesetzt.
„Wie wichtig die Gemeinschaft für taube und hörbehinderte Menschen ist, habe ich erst hier in Schenkenfelden wirklich entdeckt“, meint Dr. Johannes Fellinger: „Der Eins-zu-Eins-Kontakt zwischen Arzt und Patient reicht zur Entwicklung nicht aus.“ Die Lebenswelt Schenkenfelden ist die jüngste Inititative des Linzer „Gehörlosenarztes“.
Gemeinschaft gibt Kraft
Zwölf Gehörlose, manche von ihnen mehrfach behindert, haben im Ortszentrum der Mühlviertler Gemeinde Schenkenfelden ein Zuhause gefunden. Zum Töpfern, Weben, Flechten und zur Arbeit in der Küche kommen täglich zwanzig Menschen in das „Gerstl Haus“. Dr. Fellinger hat das Gebäude, das seiner Mutter und Tante gehörte, für fünfzig Jahre kostenlos den Barmherzigen Brüdern zur Verfügung gestellt. Der Orden ist damit der Rechtsträger der Lebenswelt.Gehörlose mit zusätzlichen Behinderungen leben in starker Isolation, ausgeschlossen von der Gesellschaft, die Umwelt ist zumeist nicht fähig, deren Bedürfnisse zu erkennen. In der Lebenswelt haben die Bewohner/innne einen Ort, wo sie in der Selbstständigkeit wachsen und sich gegenseitig fördern können. Und vor allem Gemeinschaft und Lebensfreude erfahren.
Neue Nachbarn willkommen
„Die Schenkenfeldner tragen wesentlich zum Gelingen des Projekts bei“, freut sich Dr. Fellinger über die freundschaftliche Aufnahme, seit es 1995 die ersten Planungsgepräche gab. Eröffnet wurde das Haus am 12. September 1999. Die Begegnungen mit den Bewohnern der Lebenswelt waren bereits für manche Schenkenfeldner Anlass, die Gebärdensprache zu lernen. Zu Gehörlosen hat Dr. Fellinger von Kindheit an eine intensive Beziehung: Sein Vater ist taub. Als junger Arzt hatte aber Dr. Fellinger 1990 ein Schlüsslerlebnis, das zu seinem besonderen Einsatz für hörbehinderte Menschen führte. Er musste tatenlos mitansehen, dass sich eine schizophrene gehörlose Frau im Krankenhaus nicht verständigen konnte. Dr. Fellinger begann die Gebärdensprache zu lernen und konnte im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz 1991 eine Gehörlosenambulanz einrichten, aus der die multidisziplinäre Ambulanz für Gehörlose, Ertaubte und Hörbehinderte wurde. Die Lebenswelt Schenkenfelden hat der überzeugte Christ Dr. Fellinger auf zwei Säulen gestellt: auf die Gemeinschaft untereinander und auf die Gemeinschaft mit Gott. Der ehemalige Ross-Stall mit einem Futtertrog aus Granit bildet als Andachtsraum das Herz des Hauses, so Dr. Fellinger: „Das Gewölbe erinnert an den Stall von Betlehem. Hier sind alle Unterschiede zwischen Behinderten und Nichtbehinderten aufgehoben. Vor Gott sind alle gleich, ihm dürfen alle vertrauen. Das ist ein großes Geschenk.“
Der Ross-Stall und Betlehem
Dreimal in der Woche feiern Mitarbeiter und Bewohner der Lebenswelt eine Morgenandacht. Dank, Bitte, Lob und die Auslegung des Sonntagsevangeliums stehen im Mittelpunkt der Gottesdienste, die zu Herzen gehen. „Die Beziehung des Menschen zu Gott ist eine zentrale Achse der Gesundheit und des Menschseins“, so Dr. Fellinger.
Die Produkte aus der Lebenswelt werden im „Gerstl-Haus“ verkauft,. Informationen: Tel. 07214/70 27.