Der behinderte Mensch – behinderter gemacht, als er ist
Ausgabe: 2000/48, Behinderte
28.11.2000
- Silvia Bernacki
Am 3. Dezember ist Welttag der behinderten Menschen. Aus diesem Anlass bringen wir Anstöße von Silvia Bernacki, einer behinderten Frau.
Ich bin Mitte dreißig, liebe das Leben, solange es mich liebt. Ich habe eine nicht abgeklärte Muskelerkrankung und vier Räder unterm Hintern. Werden Sie in der Nähe eines behinderten Menschen leicht verlegen? – Sie wissen nicht, ob Sie hin- oder wegsehen sollten? Wundert mich nicht. Wie sollte jemand, der noch nie mit einer Behinderung konfrontiert war, wissen, wie er sich verhalten soll. Wo unsere Stärken und Schwächen liegen, wo wir Hilfe ganz gerne annehmen würden oder sie als Bevormundung empfinden? Wie mir auch jemand entgegenkommt, ist kein Problem, solange er es offen und unvoreingenommen tut und sich für die Person hinter meiner Behinderung interessiert. Nur weil mein Äußeres nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, empfinde ich nicht anders als andere.
Sehen Sie nicht weg
Zwangsläufig sehe ich die meisten Dinge aus anderen Perspektiven. Gehen Sie öfters unter vielen Menschen in die Hocke, dann wissen Sie ungefähr, was ich meine. Durch bauliche Barrieren noch behinderter gemacht, als ich schon bin, erlebe ich vieles anders. Weil eine Stufe, eine nicht automatische Tür, ein zu kleiner Lift und vieles, vieles mehr, wie Ärzte oder Ämter im ersten Stock ganz ohne Lift, für mich wirklich ein Problem sind. Deswegen sehen Sie nicht weg, sondern mehr in unsere Augen. Und Sie werden ein Gespür für unsere Fähigkeiten, Freuden, Ängste, Sorgen und Probleme bekommen. Halten Sie Behinderte manchmal für Sozialschmarotzer? – Wenn ich wegen meiner Behinderung keine Möglichkeit habe, Geld zu verdienen, bin ich trotzdem kein Mensch zweiter Klasse. Ich muss mit diesem Gefühl der Minderwertigkeit, Untätigkeit und einer totalen finanziellen Abhängigkeit leben, nicht diejenigen, die ständig über Änderungen im Sozialbereich reden . . .
Angst vor der Zukunft
Wovor muss ich mich in Zukunft eigentlich mehr fürchten? Davor, dass unsere Staatsschulden doch immer mehr zu meinen Kosten abgetragen werden, falls es zu einer freien Krankenkassenwahl kommt und mich keiner haben will? Oder vor einer immer stärker werdenden rechtsradikalen Szene? Wie lange wird es noch dauern, bis die Hemmschwelle von der einen Minderheit zur nächsten überschritten wird?
Sexualität
Noch immer wird Partnerschaft und Sexualität in Zusammenhang mit Menschen mit Handicap als Tabu behandelt. Nur weil wir keinen intakten Körper besitzen, heißt das nicht, dass wir nicht ähnliche Sehnsüchte wie andere auch haben. Die Lust auf Liebe, Sex und Zärtlichkeit, Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit, der Wunsch nach Kindern und Familie beschränken sich nicht auf einen „makellosen“ Körper. Wie Betroffene damit umgehen (umgehen können), ist ihre Sache. Alle nicht Beteiligten sollten anfangen, diese intime Thematik als normal und natürlich zu sehen.