Vierzehn Jahre war Ruth Steiner Generalsekretärin der Katholischen Aktion in Österreich. Was wenige wussten: Die Jüdin ist als Jugendliche Christin geworden.
Ihr Vater war Österreicher. Als Jude floh er vor den Nationalsozialisten auf die Philippinen. In einem chinesischen Spital kam Ruth auf die Welt. Als Ruth Steiner 15 war, kehrte ihre Familie nach Wien zurück. „Der Glaube des Menschen liegt tief im Inneren“, sagt Ruth Steiner. So begann damals in Wien ein inneres Suchen. Sie traf im Gymnasium mit prägenden christlichen Persönlichkeiten zusammen. Schließlich wurde sie Christin – ohne freilich Abschied von ihrer jüdischen Wurzel zu nehmen.
Im Jahr 1986 wurde sie Generalsekretärin der Katholischen Aktion Österreichs. Die Vergangenheit von Dr. Kurt Waldheim sorgte zu dieser Zeit für große Schlagzeilen. An die große Glocke wollte sie ihre jüdische Wurzel damals nicht hängen. Erst heuer wurde sie pensioniert.
„Daheim in zwei Religionen“ hat Ruth Steiner ein Buch genannt, in dem sie ihre Erfahrung niedergeschrieben hat. Für die Juden war sie in der ersten Zeit eine Davongelaufene, für Katholiken eine Hinzugekommene. Später, als von beiden Seiten her eine große Vertrauensbasis da war, wurde sie zu einer Vermittlerin im Hintergrund, was das jüdisch-christliche Verhältnis in Österreich betrifft.
Mit dem Blick nach vorne
„Nur solange man der eigenen Religion treu ist, kann man über das Gemeinsame reden“, ist sie überzeugt. Die Unwissenheit bei Christen über das Judentum sei noch immer groß, wünscht sich Ruth Steiner gegenseitiges Interesse aneinander. Jetzt, in der Pension, will sie Hebräisch lernen – und bedauert, dass sie das nicht schon als Kind getan hat.Steiner plädiert für einen Blick nach vorne: „Es geht nicht, dass jede Veranstaltung mit Juden zu einer Gedenkveranstaltung wird“, meint Ruth Steiner. Vielmehr sollte man eine Gemeinsamkeit im Gestalten der Zukunft finden.
Ruth Steiner. Daheim in zwei Religionenn. Mein Bekenntnis zum Judentum und zum Christentum. Wiener Domverlag 2000, 78 Seiten, S 148,–.