Es waren nicht die Fragen, es waren die Antworten schlecht
Ausgabe: 2000/49, Temelin, Protest, Widerstand
05.12.2000
- Ernst Gansinger
Zwei Welten prallten aufeinander. „Anhörung“ war diese öffentliche Informationsveranstaltung zu Nebengebäuden des AKW Temelin keine.
Vielmehr stand am 1. Dezember im Linzer Design-Center stundenlanges Reden auf dem Programm. Das Podium war mit ca. 30 tschechischen und österreichischen Experten bestückt. Das Publikum kam wenig zu Wort. Und wenn, dann mussten sich die Diskutanten anschließend vom tschechischen Ko-Moderator, Dipl.-Ing. Beranek, dem Präsidenten des tschechischen Atomforums, Beurteilungen anhören: „Das waren wieder keine guten Fragen ...“ Das Publikum reagierte mit Pfiffen, dem Singen der Landeshymne, Transparent-Demonstrationen oder zum Schluss mit spontanem, resignierendem Weggehen.2000 Menschen nahmen diesen Vortrags-Marathon in Kauf. Unter ihnen waren sehr viele Jugendliche, die auch mit Aktionen ihren Protest unterstrichen. Die Temelin-Vertreter hatten dafür kein Verständnis.
Alles im Griff?
Wir haben alles im Griff. Das war die Botschaft hinter langen Erläuterungen. Auf den Kern der Fragen aber kam keine Antwort. „Wie wollen Sie verhindern, dass meine Kinder ein ähnliches Schicksal haben wie die Tschernobyl-Kinder, die wir zu Gast hatten?“, wollte eine Mutter wissen.– Keine Antwort. – „Warum ist Temelin unterbunkert, wenn doch alles sicher ist?“ – Keine Antwort. – „Warum stimmt die Betreiberfirma CEZ nicht einer Veröffentlichung aller Baudaten zu, wenn sie doch Transparenz verspricht?“ – Das sind Geschäftsgeheimnisse.Keine Zusage jedenfalls für eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung bei abgeschaltetem Reaktor, was die Hauptforderung der Atomkraftwerksgegner ist. Keine Annäherung!
Zu beruhigen vermag wohl die Einschätzung von Temelin-Direktor Hezoucky auch nicht. Er meinte unter anderem. „Sie können mit Ihrem Widerstand nicht bewirken, dass es zu keinen Störfällen kommt ... Das kann man relativ eindeutig sagen, dass es zu keinen Risiken kommt ... Die Störfälle, die es jetzt gibt, sind harmlos und normal; es wird noch weitere geben ...“
Gebets-Anregung:
Vater unser
Von Monika Hofer aus Waldburg stammen folgende Zeilen Vater unser im Himmel Du bist unser aller Vater, auch der des tschechischen Volkes. Geheiligt werde dein Name Dich können und sollen wir anrufen, du erhörst uns und unsere Nachbarn. Dein Reich komme In deinem Reich gibt es weder Geld, noch Macht, noch Grenzen, auch keine AKWs. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden Du versprichst himmlische Zustände auf Erden, wenn wir nicht gegen den Grundsatz der Liebe handeln. Unser tägliches Brot gib uns heute Du hast für uns immer Brot genug wachsen lassen, hilf, dass unser Getreide, diesseits und jenseits der Grenze, auch in Zukunft nicht aus Geldgier verstrahlt wird. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern Auch wir alle haben mit unserer verschwendrischen Lebensweise für manche den Grund geliefert, um den Bau von Temelin zu rechtfertigen. Hilf uns, bescheidener zu leben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen Lass uns den Verlockungen durch Macht und Geld widerstehen. Nur so werden wir zufrieden in guter Nachbarschaft leben können. Amen.
Guter Rat:
Ein sehr symbolträchtiges Gnadenbild wird in Gratzen, Nove Hrade, in der Kirche des dortigen Servitenklosters verehrt: Das 17 x 34 cm große Bild zeigt „Maria vom guten Rat“. Es wurde von Graf Karl Bon. v. Buquoy 1619 in der Schlacht bei Sablat aus einem brennenden Hause gerettet. Sablat ist das heutige Temelin. Über Wien (St.-Anna-Kirche) kam es 1674 nach Gratzen. Angesichts der aktuellen Temelin-Probleme ist guter Rat gefragt. Die Kirchenzeitung wird mit den Anti-AKW-Aktivisten diesseits und jenseits der Grenze im März 2001 eine Wallfahrt nach Gratzen organisieren.