6,8 Milliarden Schilling wurden in Österreich binnen eines Jahres gespendet. Nun soll ein Gütezeichen für die Spendenverwaltung vor der Gefahr des Missbrauchs schützen.
Regelmäßig vor Weihnachten läuft bei Pfarrer Ernst Gläser das Telefon heiß. Verunsicherte Spenderinnen und Spender wollen sich im Gespräch mit dem Leiter der Evangelischen Evidenzstelle für spendensammelnde Organisationen (EESO) Klarheit darüber verschaffen, wem sie ihr Geld anvertrauen können. Doch den Überblick zu bewahren ist fast aussichtslos. Laut Institut für Spendenwesen (ÖIS) gibt es in Österreich zwischen 500 und 600 Institutionen, die um Spenden bitten. Und es werden laufend mehr. 35 sollen alleine heuer hinzugekommen sein, die ausschließlich sexuell missbrauchten Kindern helfen wollen. Und die Spendenbereitschaft in Österreich ist enorm: Jüngsten Zahlen zufolge wurden in den vergangenen zwölf Monaten rund 6,8 Milliarden Schilling gespendet. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gibt es in Österreich keine einheitlichen Regeln, wie Spenden gesammelt und verwaltet werden.
Gütesiegel ab September
„Nun sollen auch in Österreich jene mit einem Gütesiegel ausgezeichnet werden, die sich beim Spendensammeln an bestimmte Regeln halten und transparent und sparsam ihre Gelder verwalten“, sagt Dr. Irmgard Hradecky, von der Kammer der Wirtschaftstreuhänder. Gemeinsam mit Vertretern von spendensammelnden Organisationen hat sie die Kriterien für das Spendengütesiegel erarbeitet. Alle, die ihren Jahresabschluss für das Jahr 2000 innerhalb der nächsten acht Monate einem Wirtschaftsprüfer vorlegen, werden im September 2001 für ein Jahr mit dem Gütesiegel ausgezeichnet – vorausgesetzt, sie erfüllen die Auflagen. Noch offen ist, wie rasch das Gütesiegel tatsächlich zum Erkennungszeichen für spendenwürdige Institutionen wird. Denn die Spendenriesen (Rotes Kreuz, Caritas, Diakonie, Hilfswerk und Volkshilfe) begrüßen zwar das Zustandekommen, melden jedoch ihre Vorbehalte an: Ihre eigenen Prüfkriterien seien strenger; das einheitliche Gütesiegel unabhängig von Größe und Branche der Organisation sei problematisch. Argumente, die Pfarrer Gläser nicht versteht. Seit 1993 vergibt die von ihm gegründete EESO ein Qualitätszertifikat. Und der ehemalige Direktor der Diakonie hat mit seinen Erfahrungen die Entwicklung des Spendengütesiegels mitgeprägt. Ob dieses nun in Österreich unumgänglich wird? Ernst Gläser: „Ich wünsche es mir. Aber ich glaube fast, dass es ein Wunsch ans Christkind ist.“
REAKTIONEN
„Caspar, Melchior und Balthasar lassen sich in die Kassa schauen“, heißt es bei der Dreikönigsaktion zum Spendengütesiegel. Die Hilfsorganisation der Katholischen Jungschar hat sich von Anfang an für das Zustandekommen des Gütesiegels eingesetzt.
„Alle leiden wir, wenn es unter den Spendensammlern schwarze Schafe gibt. Deshalb begrüßen wir Maßnahmen zur Verbesserung von Qualität und Transparenz“, sagt Stefan Wallner-Ewaldvon der Caritas-Zentrale. Für ihn ist das neue Gütesiegel aber ein falsches Etikett: Denn „nicht die Qualität der Arbeit, sondern nur die Qualität der Finanzverwaltung“ werde geprüft. „Weil wir das Vertrauen der Spender genießen, wollen wir nicht irgendwo mittun, das missverständlich wirkt.“
Den Rahmenvertrag über das Spendengütesiegel mit der Kammer der Wirtschaftstreuhänder werden von kirchlicher Seite bisher unterzeichnen: der Arbeitskreis der Missionsorden in Österreich und die Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz für Mission und Entwicklung.
HINTERGRUND
Österreichische Spendenkultur 6,8 Milliarden Schilling haben die Österreicher in nur zwölf Monaten gespendet. Das bedeutet gegenüber 1996 mehr als eine Verdoppelung. Die vom Österreichischen Institut für Spendenwesen in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Schluss: Die Hilfsbereitschaft hat sich in nahezu allen untersuchten Bereichen „enorm gesteigert“.
Zu den Entwicklungen des Spendenverhaltens in Österreich zählen:
– Am Beliebtesten sind: an Altkleidersammlungen teilnehmen, zahlen per Erlagschein, spenden bei Kirchensammlungen.
– Frauen spenden regelmäßiger als Männer. Mit dem Alter nimmt die Regelmäßigkeit beim Spenden zu.
– In erster Linie wird für Kinder und Behinderte gespendet. Rückläufig (gegenüber 1996) ist die Spenden-bereitschaft für alte Menschen und Tiere.
– Spitzenreiter hinsichtlich ihrer Bekanntheit sind Caritas, Rotes Kreuz und SOS-Kinderdorf. Überproportional an Bekanntheit zulegen konnten Natur- und Umweltschutzorganisationen, die werbemäßig stark auftreten.
– Nur acht von 100 haben sich in den letzten zwölf Monaten in einer der Organisationen, für die sie gespendet hatten, auch ehrenamtlich engagiert. Den Österreichern ist es offensichtlich lieber, Geld statt Zeit und Arbeit zu spenden. Regelmäßige Gottesdienstbesucher engagieren sich eher ehrenamtlich.
– „Solidarität mit Armen und Schwachen“ gilt als erstes Motiv, warum im Jahr 2000 in Österreich gespendet wurde. Auf Platz zwei heißt es: „Weil mich der Aufruf einer Hilfsorganisation überzeugt hat.“ 2000 Personen ab 15 Jahren wurden befragt.