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Wenn’s Christkind über die Häuser fliegt

Generationen erzählen
Ausgabe: 2000/51, Christkind, Weihnachten
20.12.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Wenn ich an die Weihnachten meiner frühen Kindheit denke, so sind diese untrennbar mit meinem Großvater verbunden. Besonders jedes Jahr am Heiligen Abend wird er gegenwärtig und feiert für mich eine „kleine Auferstehung“ und ich würde ihm heute gerne sagen, wie wichtig er für mich und meinen Bruder war. Daher möchte ich meine Erinnerungen Opa, der vor dreißig Jahren verstorben ist, widmen.

Lieber Opa!
Im Laufe meiner Lebenserfahrungen bin ich zur Überzeugung gekommen, dass du für mich so etwas wie ein Glasfenster warst, in dem aufleuchtete, was Gott den Menschen will. Du warst für mich die erste „Gotteserfahrung“ und du hast den Grundstock für meinen Glauben gelegt. Mama und Papa hatten auf Grund der vielen Arbeit auf dem Hof wenig Zeit für uns. Du hattest immer Zeit und immer ein offenes Ohr für unsere Sorgen und Wehwehchen.

Den ganzen Heiligen Abend hast du uns mit deiner geheimnisvollen Erwartung begleitet, obwohl es nur ganz bescheidene Geschenke zu erwarten gab. Ich erinnere mich nur an einen Steinbaukasten mit grauen und blassrosa Steinen, den wir einmal als Spielzeug bekommen haben. Auch mein erstes Buch, „Grimms Märchen“, ist mir noch in Erinnerung. Sonst haben wir meist notwendige Kleidung und natürlich einen Christbaum bekommen. Sobald Mama und Papa mit der Stallarbeit fertig waren, gingst du mit uns in den Strall, um mit uns auf das Christkind zu warten.

Das waren sehr spannende Minuten. Du hast uns vom Christkind erzählt, das mit Goldlöckchen über die Häuser fliegt und nach braven Kindern Ausschau hält. Und von Tieren, die in der Heiligen Nacht sprechen können. Ich rieche noch heute das frische Stallstroh und den Atem der zufrieden wiederkäuenden Kühe.
Wenn das Glöckchen läutete, gingen wir Hand in Hand mit dir in die Stube. Dort sehe ich dich nach der gemeinsamen Feier mit glänzenden Augen die Schuhschachtel öffnen, in die dir das Christkind wie jedes Jahr Kekse gelegt hat. Diese Kekse hast du in dein Schlafzimmer in Sicherheit gebracht. Sie waren, glaube ich, das Einzige, was du nicht mit uns geteilt hast. Nur beim Mettengang hast du uns allein gelassen. Du warst der Ansicht, so ein alter Mann darf sich ohne schlechtes Gewissen ins Bett legen, die Feiertagsmesse muss genügen.
Schmunzeln muss ich noch heute, wenn ich an die Zeit denke, als wir nicht mehr an das Christkind glaubten, uns aber nichts anmerken ließen. Wir wollten dir nicht die kindliche Freude nehmen und dich im Glauben lassen, dass es doch ein Christkind gibt.

Sehr nachhaltig hat sich mir auch das Räuchern in der Heiligen Nacht eingeprägt. Papa vorne mit der Weihrauchpfanne, Mama und du mit uns an der Hand hinterdrein, sind wir betend durch Haus und Stall gezogen.

Tatsache ist, dass ich mich an Geschenke nur sehr flüchtig, an dich und all unsere gemeinsamen Erlebnisse sehr genau und lebhaft erinnern kann. Du hast uns mit deinem Dasein und Mit-uns-Sein bedeutend mehr gegeben, als viele Kinder heute mit teuren Geschenken je bekommen können. Noch heute glaube ich, du könntest bei der Türe hereinkommen, wenn es in der Advent- und Weihnachtszeit bei uns zu Hause nach Keksen und Weihrauch duftet. Dafür danke ich dir.

Maria Neulinger, Schenkenfelden
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