Bischof Erwin Kräutler: Meine Vision des neuen Jahrtausends
Ausgabe: 2000/51, Jahrtausend,
20.12.2000
- Bischof Erwin Kräutler
Heute sind Millionen Menschen vom Festmahl des Lebens ausgeschlossen. Deshalb träumt Bischof Erwin Kräutler von weltweiter Gerechtigkeit im neuen Jahrtausend.
Mein Traum für das nächste Jahrtausend ist der Traum Jesu – eine Welt, in der die Gerechtigkeit, der Friede und die Liebe zu einander konkret werden. Ich hoffe, dass es keine Zukunftsvision bleibt, sondern dass dieses Reich Gottes unter uns erlebbar wird. Nach all den Jahren, die ich in Brasilien lebe, fühle mich nach wie vor diesem Traum Jesu verpflichtet. Für mein Primizbild habe ich 1965 Worte gewählt, die bis heute Leitfaden meines Lebens geblieben sind: Er hat sein Leben für uns hingegeben, bis zum Äußersten ist er gegangen. Also sind wir es schuldig, unser Leben für die Schwestern und Brüder einzusetzen. Darum geht es und um sonst gar nichts. Das ist unser Auftrag als Christen, wenn auch ein nicht einfacher. Aber hingeben heißt ja nicht gleich, sterben zu müssen. Sondern, dass man sich einsetzt für einen Traum.
Die Brösel vom Tisch
Die Menschen hier am Xingu träumen auch von einer Welt, in der sie respektiert werden, in der ihre Würde anerkannt wird, in der sie leben können – oder vielmehr menschenwürdig überleben können. Denn heute essen einige wenige den großen Kuchen, und die kleinen Leute bekommen nicht einmal die Brösel, die vom Tisch fallen. Sie träumen von einer Welt, in der Solidarität existiert: in der nicht eine Hand voll Reiche alles hat und die große Masse – Millionen von Menschen – ausgeschlossen ist. Sie träumen von Liebe, Barmherzigkeit und dem aufeinander Zugehen. Wenn es das gibt, dann ist die Welt eine andere – und das ist der Traum Jesu.
Der Traum Jesu vertröstet auch nicht auf ein besseres Jenseits. Der Himmel beginnt vielmehr hier auf Erden, auch wenn er in der Ewigkeit erst seine Vollendung findet. Darum muss die Kirche hier unter den Armen konkret werden. Auch Jesus ist nicht in einem Palast zur Welt gekommen. Der Stall lag außerhalb der Stadt. Und außerhalb der Stadt ist er gestorben. Der Sohn Gottes hat sich immer mit denen identifiziert, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Ja, er selbst hat die Erfahrung gemacht, ausgeschlossen zu sein. Mit seinem Tod am Kreuz hat er sich sogar von Gott verlassen gefühlt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Doch gerade in dieser Situation der extremsten Verlassenheit hat er der Welt die tiefste Liebe zukommen lassen. Das heißt, eine Kirche der Armen zu werden. Mit ihnen zu versuchen, dieses Reich Gottes aufzubauen. Indem wir konkret fragen: Was will Gott von uns? Was können wir tun, damit die Menschen menschenwürdig leben können?
Einzig der Profit zählt
Weltweit muss der Kuchen gerecht aufgeteilt werden. In Brasilien gibt es 110 Millionen Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, in Misere und Elend. Die gestern kein Mittagessen hatten, und die nicht wissen, ob sie heute ein Mittagessen bekommen noch ob sie morgen eines haben werden. Das ist die Ungerechtigkeit, die am Beginn des neuen Jahrtausends nicht nur ins Auge gefasst, sondern abgeschafft werden muss. Es kann nicht sein, dass eine Hand voll Menschen über alles verfügt, während Millionen von diesem Festmahl des Lebens ausgeschlossen sind. Ja, nicht einmal die Brösel erhalten sie, die vom Tisch fallen. Heute ist der Profit das Wichtigste. Es zählt nur wer produziert. „Ich profitiere, also existiere ich“, heißt es. Millionen von Menschen werden dabei zur überflüssigen Masse gestempelt. Wir müssen hier ansetzen und sagen: das ist nicht im Sinne Jesu. Er hat uns ein ganz anderes Beispiel gegeben – mit jenen zu leben, die von der Konsumgesellschaft und der globalisierten Welt ausgeschlossen sind.Nächste Woche: Lene Mayer-Skumanz. Die Kinderbuchautorin über ihre Vision des neuen Jahrtausends.