Die Palästinenserin M. Mina über das Leben im „Gefängnis“ Bethlehem
Ausgabe: 2001/04, Palästina, Mina, Bethlehem
23.01.2001
- Josef Wallner
„Wir warten auf ein Wort der Liebe, wir möchten Solidarität fühlen.“ Das würden die Bewohner von Bethlehem am meisten brauchen, sagt Meryem Mina, Christin und Studentin in Bethlehem.
KIZ: Der provokante Besuch des israelischen Politikers Ariel Sharon auf demTempelberg in Jerusalem brachte Ende September 2000 das Fass zum Überlaufen: Den Aufstand der Palästinenser beantwortete die israelische Armee mit Panzern und Granaten. Wie lebt man in der belagerten Stadt Bethlehem? Mina: Wir fühlen uns wie Tiere: Wir essen, schlafen und arbeiten, wir haben aber keine Möglichkeit, uns frei zu bewegen. Die Grenzen um unsere Stadt sind so eng gezogen, dass wir nicht einmal ins Grüne gehen können.
KIZ: Eine schlimme Situation besonders für die Jugendlichen ... Mina: Viele junge Leute, die voll Drang nach Freiheit sind, werden depressiv, manche psychisch krank. Eine Freundin von mir sah, wie eine Katze die Fleischfetzen ihres Nachbarn fraß, den kurz davor eine Granate zerfetzt hatte. Bei diesem Anblick ist sie zusammengebrochen. Die Israelis haben auch den Orthodoxen Club zerbombt, einen wichtigen Treffpunkt für die Jugendlichen von Bethlehem.
KIZ: Die nächtlichen Bombardments von Bethlehem haben die Israelis zur Zeit eingestellt ... Mina: Ja, aber die Lage ist unendlich schlimm. Dutzende Häuser wurden gänzlich zerstört, die Familien müssen – jetzt im Winter – in Notunterkünften leben, die Hälfte der Erwachsenen hat keine Abeit, die Touristen bleiben aus und so gut wie alle Kinder sind traumatisiert. Ich denke, jeder Palästinenser würde psychologische Hilfe brauchen.
KIZ: Wie soll es weitergehen? Mina: Die meisten von uns sind nicht optimistisch. Die soeben in Ägypten begonnenen Friedensgespräche werden nichts bringen. Es wird noch mehr Tote geben. Ich bin zornig auf die UNO, auf den Westen, weil sie nichts für uns Palästinenser tun. Ich frage mich: Regiert Gerechtigkeit oder Gewalt die Welt? Die Granaten, die uns töten werden in Amerika erzeugt und werden auch mit dem Steuergeld der amerikanischen Christen bezahlt.
KIZ: Was wünschen Sie sich von den Christen in Europa? Mina: Zuerst einmal möchte ich sagen, was mich ärgert: Es sind die ignoranten Christen, die in das Heilige Land kommen und nur Steine besichtigen. Auf die lebendigen Steine, auf die palästinensischen Christen vergessen sie völlig. Die kleine Zahl der Christen – es sind im ganzen Land nur rund 200.000 oder 1,5 Prozent der Bevölkerung – leidet seit Jahrzehnten.
KIZ: Was können wir konkret tun? Mina: Ich danke allen christlichen Organisationen, die uns mit Geld helfen. Es geht aber nicht nur um die Finanzen. Ein Vergleich: Wenn eine Mutter um ihren Sohn trauert, wird man sie nicht fragen, wie viel Geld sie gegen den Schmerz braucht. Wir Christen in Bethlehem möchten Solidarität und Liebe fühlen. In einem Alltag, der von Unmenschlichkeit geprägt ist, sehnen wir uns nach Menschlichkeit. Und nach Christen, die für die Christen in Palästina demonstrieren
Hilfe konkret
„ICO“ ICO steht für „Initiative Christlicher Orient“. Der Verein informiert über die Lage der Christen im Orient, organisiert Besuche und Begegnungen und führt Hilfsprojekte durch. Auskunft: ICO, Bethlehemstr. 20, 4020 Linz, Tel./Fax: 0732/773578, e-mail: ico@utanet.at
Terminhinweis:
Felicia Langer Die israelische Rechtsanwältin und alternative Friedensnobelpreisträgerin spricht am Donnerstag, 1. Februar 19 Uhr, Arbeiterkammer Linz (Wir haben vorige Nummer versehentlich Freitag statt Donnerstag geschrieben.)