Das kann man doch nicht tun! Die drohende Verbrennung des Fleisches von über einer Million Rindern in der Europäischen Union löst einen Schock – und hoffentlich ein schnelles Umdenken aus. Man soll doch das Fleisch in Hungergebiete Osteuropas oder in andere Teile der Welt bringen, fordern viele. Die Kirchenzeitung hat mit anderen kirchlichen Einrichtungen in der Diözese Linz nach Möglichkeiten gesucht, wie Fleisch etwa in die Partnerdiözesen gebracht werden kann. Doch man stößt auf zahlreiche Schwierigkeiten. Österreichs Caritas-Präsident Franz Küberl sieht für solche Pläne nur dann eine Chance, wenn Europa einheitlich vorgeht. So bleibt als erster Schritt der Appell an die Politik, Alternativen zur Verbrennung ernsthaft zu prüfen. Menschen haben mit gutem Grund gelernt, selbst ein altes Stück Brot nicht achtlos wegzuwerfen. Ob Vernichtung marktgerecht ist, darf bezweifelt werden. Wo bleibt die Grenze?
Ein anderer Rinder-Wahn
Wenig Konsum – viel Ärgernis
Europaweit sollen „zur Stabilisierung des Fleischmarktes“ zwei Millionen Tiere verbrannt werden. Die österreichische Politik wehrt sich, mitmachen zu müssen. Die österreichische Kirche überlegt ein Programm „helfen statt vernichten“. Der Hintergrund ist bekannt: Durch die von einigen BSE-Fällen in Europa ausgelöste BSE-Hysterie ist der Rindfleisch-Konsum drastisch gesunken. Auch in Österreich greifen die Käufer weniger nach Rindfleisch, obwohl in unserem Land bisher kein einziger BSE-Fall nachgewiesen wurde. Und das bei 16.000 Tests. Statistisch betrachtet, ist ein Auftreten von BSE daher sehr unwahrscheinlich. Dennoch: Der Konsum ist auf 75% bis 70% des Normalkonsums gesunken.
Europäische „Solidarität“
Die EU unter Agrarkommissär Franz Fischler hat nun ein „Rinder-Ankaufs“ („Vernichtungs“-Programm, weil die geschlachteten Rinder nicht in die Nahrungskette kommen) ausgearbeitet. Es ist seit 1. Jänner 2001 in Kraft. Weil sich Rindfleisch schlechter verkauft, bleiben viele Rinder, die schon schlachtreif sind, in den Ställen. Der Platz wird eng, neue Kälber wachsen nach. Ausserdem werden die Kühe älter, das Fleisch minderwertiger. So kommen die Bauern unter einen „Scherendruck“: Sie müssen die Tiere länger füttern (Kosten steigen!) und erlösen dann auch noch weniger (Preis fällt!). Fischler fordert von Österreich einen „Solidarbeitrag“, sprich mitzumachen bei der Rindervernichtung. „Die österreichische Landwirtschaft wird auf Tonnen von unverkäuflichem Rindfleisch von alten Kühen sitzenbleiben...“
Österreich will anderen Weg
Landwirtschaftsminister Mag. Wilhelm Molterer berichtet dagegen, dass der Staat Österreich bei der EU den Antrag gestellt hat, diese Rinder-„Ankaufs-Aktion“ nicht mitmachen zu müssen. „Ich möchte von dieser Aktion verschont bleiben“, sagt Minister Molterer und verweist darauf, dass etwa Dänemark von der EU die Erlaubnis erhielt, nicht mitzutun. Nicht mitmachen bedeutet aber, auch etwas zu tun, was der Krise auf andere Weise Herr wird. Drei wesentliche Ansätze nennt Molterer: Wir müssen alles tun, den Inlandsabsatz wieder anzuheben. Ausserdem muss der Export wieder flott gemacht werden (vor allem Italien). Darunter fällt auch zu prüfen, was auf dem Sektor Konserven möglich ist. Und die Bauern selbst müssen die Produktion zurücknehmen. Doch die „Landwirtschaft ist nicht wie eine Schraubenfabrik“, die man drosseln, stoppen und in Gang setzen kann, wie es gerade angezeigt ist. Zwei Wege für die Produktionsdrosselung sieht Molterer: Die Verringerung der Schlachtgewichte oder eine Frühvermarktungsprämie – für Rinder, die nicht groß werden, sondern als Kälber für den Konsum geschlachtet werden. Auch eine Extensitätsprämie zieht Molterer in Erwägung. Sie soll es geben, wenn der Bauer/die Bäuerin statt bisher zwei nur noch 1,8 Großvieheinheiten pro Hektar hält.
„Kopfgeld“
Die EU zahlt „Kopfgeld“ für jedes Stück Rind, das der Vernichtung zugeführt wird. Und nur dafür. Für soziale Aktionen, wie sie die Kirche beispielsweise überlegt (Fleischspenden für Weißrußland, Bosnien, Rumänien...), gibt es nichts. Die Angst ist einfach zu groß, dass jemand auf die EU zeigen könnte: Sie verschenke belastetes Fleisch an die Armen!
Landwirtschaft in Nöten
Minister Molterer: „Ich bin für jede Initiative dankbar!“
Wie die Psyche des Menschen Einfluss auf die Politik hat und wo der Markt Grenzen setzt. – Die gegenwärtige Rindfleisch-Misere ist ein Beispiel. Rindfleisch aus der Not des Überflusses heraus staatlich und EU-gestützt an jene zu verschenken, die die Not der Unterversorgung haben, könnte ein schlechtes Licht auf die Nothelfer werfen, fürchten EU-Politiker. Da würde auch der Nachweis nichts helfen, dass nur geprüftes Fleisch bereit gestellt werde. Die Psyche könnte Gutgemeintes umdeuten.
Gefahren und Chancen
Doch das ist nicht die einzige Gefahr bei einer Sozial-Aktion, die mehreren Seiten gleichzeitig helfen würde: Den Bedürftigen, weil sie gutes Fleisch, hochwertige Nahrung erhielten. Den Bauern, weil sie auf ihren Rindern nicht sitzen blieben und keinen Preisverfall erlitten. Der Politik, weil sie ein Problem ethisch unantastbar gelöst hätte. Aber: Es müsste gleichzeitig gesichert sein, dass das „soziale“ Fleisch nicht zur Verringerung des normal gehandelten Fleisches führt. Jede Aktion, die die Gesamtmenge nicht steigert, sondern lediglich zu einer Verlagerung der Mengen führt, löst das Problem nicht. Fleisch, das bisher über eingeführte Handelsschienen an Endverbraucher kam, würde dann unter Ausschaltung des Handels sein Ziel finden. Darum sagt auch Caritas-Präsident Franz Küberl: „Hilfe darf nicht einfach willkürlich passieren. Jede Hilfslieferung muss Rücksicht auf lokale Märkte und auf die Ernährungsgewohnheiten der hungernden Menschen nehmen. Es wäre unverantwortlich, ein Land mit Rindfleischprodukten zu überschwemmen und lokale Anbieter damit in den Ruin zu treiben.“
Ein Sack Probleme
In diesem Dilemma steckt die Kiche, der Staat und die Bauern. Selbst der beste Wille könnte an unüberwindbaren Hürden hängen bleiben. Dabei gäbe es im Falle einer Sozialaktion noch genug andere Probleme:„Moralisch und ethisch ist es inakzeptabel, tausende gesunde Rinder zu schlachten und sie zu verbrennen, um den Marktwert zu halten“, sagte Caritas-Präsident Küberl. Fleisch an Bedürftige zu verschenken, ist begrüßenswert, brauche aber Voraussetzungen. Ein enorm hoher organisatorischer Aufwand in der Abwicklung ist notwendig, das Fleisch von den Produzenten zu den bedürftigen Konsumenten (inkl. Lagerung) zu bringen. Das geht nur in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Außerdem muss auf europäischer Ebene über die Einfuhrregelungen verhandelt werden. Denn viele Staaten lassen derzeit den Grenzbalken unten, wenn Rindfleisch aus der EU kommt. Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer weist allerdings darauf hin, dass manche dieser Staaten für Rindfleisch aus Österreich ihre Grenzen öffnen. Molterer jedenfalls ist für jede Initiative dankbar, die Solidarität mit den Bauern und den Armen bringt und dabei nicht neue Probleme aufmacht.
Stenogramm:
Weniger Bauern. Mit Stichtag 1. Juni 1999 gingen im Vergleich zum Jahr 1995 die land- und forstwirtschaftlichen Betriebe um 9% zurück. Diese Zahlen veröffentlichte die Bundesanstalt Statistik Österreich. 37% der landwirtschaftlichen Betriebe, das sind 80.200, werden im Haupterwerb geführt; 129.500 oder 59% sind Nebenerwerbsbetriebe. Die Haupterwerbsbetriebe blieben relativ konstant, während die Nebenerwerbsbetriebe stark zurückgingen (-14%). Gleichzeitig setzte sich der Trend zu größeren Betriebseinheiten durch, wobei Österreichs Landwirtschaft nach wie vor eher kleinstrukturiert.
Aichern bei Haupt. Österreichs „Sozial“-Bischof Maximilian Aichern war am 9. februar mit einer Delegation der Katholischen Aktion Österreich bei Sozialminister Haupt. Einer der Besprechungspunkte war das UNO-Jahr der Freiwilligen. Die Delegation äußerte ihre Erwartung, dass das „Jahr der Freiwilligen“ zu konkreten Förderungamaßnahmen für ehrenamtliches Engagement führt. In Bezugnahme auf die Diskussion um die Sozialversicherung forderte die Katholische Aktion Österreich den Erhalt und die Sicherung des auf Solidarität und Risikoverteilung basierenden sozialen Netzes in Österreich. Darüberhinaus deponierte die kirchliche Delegation die Bedenken um die sozialen Auswirkungen einer Deregulierung der Ladenöffnungszeiten und die Sorge um eine weitere Aushöhlung des arbeitsfreien Sonntags.
Kreuzschwesternschule Linz. In der Linzer Kreuzschwesternschule läuft derzeit die Anmeldefrist für eine ganz besondere Form der AHS: Im Herbst 2001 startet die Schule mit der neuen Unterrichtsmethode „offenes Lernen“ in einer der drei ersten Klassen. Das Gymnasium ist damit eines der ersten in Linz mit individueller Begabtenförderung durch selbstorganisiertes Lernen: Durch von den Lehrer/innen eigens entwickelte Arbeitsbehelfe können die Schüler/innen auch anspruchsvolle Lehrinhalte auf spielerische Art zum Teil ganz eigenständig erarbeiten. Info:Dir. Beatrix Unger, Tel.: 0732/66 48 71 - 329; www.ksl.asn-linz.ac.at
Postämter. Der Obmann der Sektion Handel der Wirtschaftskammer Österreich, Komm.Rat Lemler, schlägt vor, dass in Zukunft Nahversorger (Lebensmittelgeschäfte, Trafiken) die Funktion von Landpostämtern übernehmen sollen. In Deutschland ist dies schon insgesamt 8.000 mal erprobt (bei insgesamt 14.000 Postämtern). Lemler will seinen Vorschlag als Beitrag zur flächendeckenden Versorgung der Bevölkerung bei gebotener Einsparung der Post verstanden wissen.