Ein Geburtstagsgeschenk der besonderen Art machte der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner der Pfarre Aigen. Zum 100-Jahr-Jubiläum der Pfarrkirche sprach er vergangenen Freitag über das Thema: „Wohin ER uns führt“.
„Für spirituell Suchende müssen die Pfarren erste und beste Ansprechadresse sein“, wies Zulehner auf das unverwechselbare Markenzeichen von Pfarren hin. Menschen suchen in der Kirche nicht Belehrungen und Erklärungen, sondern Gott. „Die Gegenwart Gottes“ ist die Kernkompetenz der Kirche, diese gelte es zu stärken. Die letzten dreißig Jahre haben der Kirche einschneidende Änderungen beschert. So ging die Hälfte der regelmäßigen Kirchgänger verloren und die Gesellschaft war lange Zeit für Nachdenken und Spiritualität verschlossen. Wenn Zulehner in Großstädten wie Wien auch schon eine leichte Trendumkehr bemerkt, kann er für das Mühlviertel noch nicht Entwarnung geben: „Die Verluste schleifen sich zwar ein, die Talsohle ist aber noch nicht erreicht.“ Will das „pastorale Kleinunternehmen Pfarre“ in diesem Umfeld Zukunft haben, muss es sich darauf besinnen, wo es konkurrenzlos ist: Die Pfarre ist der Ort, wo Gott gesucht wird. Konkret heißt das: Einer „gediegenen Gottesdienstkultur“ kommt die allergrößte Bedeutung zu.
Gottesdienste mit Tiefgang
„Verwenden wir alle nur denkbaren Stilmittel, dass sich die Menschen im Gottesdienst auch der Gotteserfahrung ausssetzen“, fordert Zulehner. Stille, Gesang, Licht oder Weihrauch sollten aufgewertet werden. Vor allem dürften die Kirchenbänke nicht zu Schulbänken, die Gottesdienste nicht zu Pädagogikstunden verkommen.„Das Eintauchen in Gott ermöglichen“ – so bringt Zulehner die Aufgabe einer Pfarre auf einen einfachen Nenner und zeigt die Konsequenzen auf: „Wer in Gott eintaucht, taucht neben den Menschen auf.“ Aus der Verwurzelung in Gott folgt unweigerlich ein neuer Umgang miteinander und ein Impuls zum Einsatz füreinander. Manche Gewohnheiten werden damit auf den Kopf gestellt. Das Kirchengebot, den Sonntagsgottesdienst zu besuchen, kehrt sich um. Aus der Gottesdienstpflicht wird die Einsicht, dass ich der Gemeinde fehle, erläutert der Pastoraltheologe: „Christen müssen das bürgerliche Leben relativieren und ihren Erstwohnsitz in der Pfarre haben.“
Augen haben für das Leid
Die schönste Überschrift über den sozialen Einsatz einer Pfarre ist für Zulehner das Bibelwort „Ich kenne ihr Leid“. Damit weist er auf die Caritas der Pfarre hin. Er fordert von den Christen, Augen und Ohren für die Menschen in Not offen zu halten. Das hohe Ziel: „Wer immer in Aigen, wer immer in einer Gemeinde des Mühlviertels lebt, kann sich darauf verlassen, dass er nicht übersehen wird, wenn er Hilfe braucht“.
Konkret gefragt
„Wie ist der hohe Anspruch an eine Pfarre, Zentrum der Spiritualität zu sein, zu verwirklichen, wenn es immer weniger Priester gibt? Mit Ehrenamtlichen ist das nicht zu schaffen“, fragt ein Vortragsbesucher Prof. Zulehner.
Zulehner: Priester müssen in „Ruf- und Reichweite“ der Menschen sein, weil jeder Christ das Recht auf die geistlichen Güter der Kirche besitzt. Wenn sich wie derzeit zu wenige Menschen für das Priesteramt entscheiden, soll die Kirche die Zulassungsbedingungen überdenken. Ein Vorschlag wäre, dass die Gesamtkirche auf begrenzte Zeit und für bestimmte Regionen Ausnahmen macht. Gemeinden ohne Priester sollten sich verstärkt vernetzen und bei den Kirchenleitungen einen fairen Druck machen. Gläubige Gemeinden müssen selbst aktiv werden.