„So ein Kritzikratzi“, sagt Mama lachend, aber die kleine Lisa ist gekränkt
Ausgabe: 2001/09, Kinder,
27.02.2001
- Elisabeth Leitner
„Ob die Kuh vier oder zehn Füße hat, ist ‘wurscht’“, sagt Prof. Gertrud Pilar. Kinder wollen beim Malen nicht die Wirklichkeit abbilden, sondern von sich erzählen.
Die kleine Lisa sitzt am Boden, vor ihr ein Blatt Papier, das sie mit einem Wachsmalstift malträtiert. „Tack, Tack, Tack ...“, macht es, das Zeichenblatt ist schon mit unzähligen Punkten übersät. „So schöne Regentropfen“, sagt Tante Hanna ankennend. Lisa schweigt und meint dann: „Ja, vielleicht“, legt den Stift beiseite und steht auf. „Wenn man die Sachen zu früh benennt, werden die Kinder in ihrer Fantasie eingeschränkt“, erklärt Pilar. Seit 40 Jahren arbeitet die Pädagogin mit Kindern, seit 1974 hat Pilar einen Lehrauftrag für Schulpraxis an der Kunstuniversität Linz. In ihren Kindermalkursen malen Kinder an der Staffel, sechs Farben stehen zur Auswahl, der Rest der Farbenpracht wird selbst gemischt. Nach einer kurzen Einstimmung machen sich die Kinder ohne Arbeitsauftrag ans Werk. „Vorgegebene Vorstellungen des Lehrers würden die Bildwelt des Kindes zerstören“, ist Pilar auf Grund ihrer langjährigen Praxis überzeugt. Sie wünscht sich mehr Achtung vor dem Kind. „Kinder kommen aus dem Paradies. Sie erzählen mit Stift, Pinsel, Fingern ... von ihrem Befinden. Man müsste sich von Kindern mehr überraschen lassen, was sie zeichnen, denken, tun ...“
Pilar beobachtet mit Unbehagen, dass Kinder zu bald in die Erwachsenenwelt „hineingezogen“ werden. Beim Malen geht es nicht darum etwas zu leisten. Nicht die fertige Zeichnung ist für Kinder interessant, sondern die Tätigkeit. Oft streichen Kinder ihre Zeichnungen durch oder lassen diese unbeachtet liegen. Wenn nicht Erwachsene sich einmischen ... Das Wegnehmen der kindlichen Logik beurteilt Pilar als die „große Tragik der heutigen Zeit“. Kritisch sieht die Pädagogin auch die Tendenz, Kinder bei Veranstaltungen zu „Vorführaffen“ zu machen. Glück – davon ist sie überzeugt – passiert anderswo.
Zurückhaltung der Eltern gefordert
„Das sichtbare ‘Lallen’ des Kindes wie Kritzeln und Punkte setzen ohne Störung durch den Erwachsenen würde bei allen Kindern zu einer eigenen Handschrift führen und für sie Glück bedeuten.“ Was ist Glück? Wenn Kinder singend an der Staffel stehen und von ihrem Tun ganz erfüllt sind. „Glück zu haben ist Fülle zu erleben und nicht Leere zu haben, die gefüllt werden muss“, diese Lebensweisheit drückt für Pilar aus, worum es letztendlich geht, wenn Kinder zum Pinsel greifen. Malen – ein Weg zum Glück.