Am 1. September 2001 wird Mathias Mühlberger Prälat Josef Mayr als Caritas-Direktor nachfolgen. Der kommende Caritas-Chef stand der KIZ Rede und Antwort.
Die Caritas mit 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird auch als Konzern bezeichnet. Können Sie sich mit diesem wirtschaftlich geprägten Wort „Konzern“ identifizieren?
Mühlberger: Ich habe lieber das Bild der Flotte, in der die einzelnen Schiffe gemeinsam segeln. Die Navigation ist auf die Menschen hin ausgerichtet, die Dienstleistungen und Hilfe brauchen. Der Heimathafen ist die Kirche. In ihrem Auftrag sind wir unterwegs.
Also werden Sie eher ein Kapitän sein als ein Generaldirektor?
Wenn wir im Bild bleiben, ja. Die einzelnen Boote müssen seetüchtig sein. Wir müssen stark auf den Markt – die Menschen, die uns brauchen – ausgerichtet sein. Rasch, flexibel und kompetent reagieren zu können, heisst operativ selbstständige Einheiten schaffen.
Die Caritas wandelt sich mit den Veränderungen in der Gesellschaft. Neue Dienstleistungen werden angeboten, vor zehn Jahren etwa die Wohngemeinschaft für Haftentlassene in Wels. Was kommt neu auf die Caritas zu?
In den nächsten zwei, drei Jahren werden wir unser Projekt „Qualität als Prozess“ vorantreiben. Für eine Hilfs- und Dienstleistungsorganisation ist es wichtig, sich ständig lernend weiterzuentwickeln. Es wird auch eine ganze Reihe neuer gesellschaftlicher Themen auf uns zukommen. Da habe ich neben dem Bild der Flotte noch andere Bilder. – Die Caritas als Hilfe, Lebensraum zu bekommen: Welche Handicaps auch immer ein Mensch hat, ihm muss Platz zum Leben gegeben werden. Seine Möglichkeiten brauchen Förderung. Bei uns soll er ein Stück Heimat erleben, nach dem Motto: Es ist gut, dass es dich gibt. Oder ein anderes Bild. – Ich stamme von einem kleinen Bauernhof. Als ich ein Bub war, hing über meinem Bett ein etwas kitschiges Bild. Es zeigte zwei Kinder, die auf einer schmalen Brücke über einem reißenden Bach spielten. Ein Schutzengel wachte über sie. – Es gibt für uns alle Zeiten, in denen wir besonders ausgesetzt sind und andere brauchen. Die Caritas muss wach und offen dafür sein, wo Menschen für ein kurzes oder längeres Stück Hilfe und Begleitung brauchen. Unsere Mitarbeiter/innen sind kompetent und engagiert. Ich habe Vertrauen in diese Organisation.
Müsste sich die Caritas nicht überflüssig machen, kritisches Gewissen sein und den Staat dazu bringen, dass er das soziale Netz dicht knüpft?
Aus meiner Zeit als Sozialarbeiter habe ich noch heute die Erinnerung an Klienten, die es durch die sozialarbeiterische Hilfe geschafft haben, selbstständiger zu werden. Möglichst viel selber tun können, dazu müssen wir die Menschen befähigen. Ich kann aber nicht warten, bis die gesellschaftlichen Bedingungen so sind, dass wir nicht mehr gebraucht werden. Beides ist notwendig: Bedürftigen helfen und lautes soziales Gewissen sein! Arme wird es immer unter uns geben, das steht schon im Evangelium. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen.
Diakonie ist wie Liturgie und Verkündigung eine Grundfunktion der Kirche. Sehen Sie bei den Christen ein Verständnis dafür, dass die tätige Nächstenliebe (Diakonie=Caritas) einer der drei Grundpfeiler der Kirche ist?
Die Diakonie ist die andere Seite der Medaille Kirche. Gelebter Glaube heisst auch gelebte praktizierte Liebe, auf Latein: Caritas. Die Verkündigung ist nur durch den Scheck unseres Tuns gedeckt und in der Liturgie feiern wir diesen Glauben. Das gilt für jeden einzelnen Christen genauso wie für die Pfarre oder die Diözese. Sonst leben wir ein Sonntagschristentum.
Volkshilfe, Diakonie, Hilfswerk ... bieten auch Dienste für Hilfe suchende Menschen an. Ist das Konkurrenz oder Ergänzung?
Es ist eine Mischung. Wir arbeiten in vielen Bereichen zusammen. Aber natürlich sind wir auch Konkurrenten.
Bisher sind Sie als Geschäftsführer des Caritas-Instituts für Betreuung und Pflege für 400 Mitarbeiter/innen verantwortlich. Bald werden Sie mehr als 1.300 führen. Sorgt das für manch wache Stunde in der Nacht, weil die Verantwortung so groß wird?
Ich habe muntere Stunden bei 400 Mitarbeiter/innen und werde solche bei 1.300 haben. Meine Erfahrung ist auch: Ich kann und brauche nicht alles alleine lösen. Wir haben gute Mitarbeiter/innen. Führen heisst, Rahmen vorgeben, Ziele miteinander entwickeln und Führungskräfte und Mitarbeiter ins Boot nehmen.
Das Gespräch führte Ernst Gansinger
STICHWORTE
Caritas-Team
Die Caritas hat etwa 1.300 hauptamtliche Mitarbeiter/innen. In verschiedenen Einrichtungen sind auch ehrenamtliche Helfer/innen im Einsatz (z. B. in der Haftentlassenen Wohngemeinschaft). Gemeinsam mit den Pfarren, die eine eigenständige ehrenamtliche Caritasarbeit leisten, sind in unserer Diözese mindestens 8.000 ehrenamtliche Caritas-Helfer/innen tätig. Sie führen zum Beispiel Haussammlungen durch, besuchen Kranke, helfen in Not geratenen Pfarrangehörigen. In den kirchlichen Kindergärten, die meist als Pfarrcaritas-Kindergärten eingerichtet sind, arbeiten etwa 2.000 Kindergärtnerinnen und Kindergartenhelferinnen.
Spenden
Im Jahr 2000 hatte die diözesane Caritas inklusive aller Einrichtungen ein Gesamt-Spendenaufkommen von 81 Millionen Schilling.
Mathias Mühlberger
Der kommene Caritasdirektor ist seit 1999 stellvertretender Caritas-Direktor. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.