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Bischof Aichern gibt Leitwort für die Fastenzeit

Heilige Orte – Bischofswort zur Fastenzeit 2001
Ausgabe: 2001/09, Heilige Orte, Bischof, Bischofswort, Fastenzeit
27.02.2001
In der Fastenzeit 2001 öffnet die Kirche ihre Räume als Orte der Kraft und Geborgenheit. Kirchen sollen offenstehen, ist eines der Anliegen Bischof Maximilian Aicherns im Fasten-Bischofswort 2001. Er lädt ein, die „Heiligen Orte“ aufzusuchen. Die Kirchenzeitung bringt das Bischofswort als Leitwort für die Fastenzeit.


Heilige Orte

Für den ersten Fastensonntag hat Bischof Maximilian Aichern den folgenden Brief an die Katholikinnen und Katholiken geschrieben. Als „Leitwort“ für die kommende Fastenzeit dokumentiert die Kirchenzeitung den Bischofsbrief im Wortlaut.

In einer schlichten Zeremonie hat Papst Johannes Paul II. heuer am Fest der Erscheinung des Herrn die Heilige Pforte geschlossen und damit das Heilige Jahr 2000 beendet. Rund 25 Millionen Besucher und Pilger hatten in diesen 379 Tagen diese Pforte durchschritten, um den Petersdom, diesen Mittelpunkt und großen Wallfahrtsort unserer Kirche, gerade im Heiligen Jahr zu besuchen. Heilige Zeiten drängen Menschen an Heilige Orte, um dort den Alltag zu unterbrechen und sich Gott zu öffnen. Heilige Orte sind auch das Thema und Programm für diese Fastenzeit in unserer Diözese.

Wo Gott den Menschen begegnet, ist ein heiliger Ort


In der Bibel gilt vor allem die Wüste als Ort der Nähe Gottes und der Begegnung mit ihm. „Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“, hat Gott dem Mose zugerufen (Ex 3,5). Das geschah am Rande der Steppe; die Stimme kam aus einem brennenden Dornbusch. Gott gab dem Mose den Auftrag, sein Volk aus der harten Fronarbeit in Ägypten herauszuführen und in ein Land zu bringen, „in dem Milch und Honig fließen“.
Mose führte das Volk Israel vierzig Jahre durch die Wüste (Ex 19 – 40). Das war eine harte Schule des Glaubens. Dort erfuhren die Israeliten aber auch auf wunderbare Weise die Sorge und die Treue Gottes: Er gab ihnen das Manna (Ex 16) und das Wasser aus dem Felsen (Num 20). Auf dem „Gottesberg“ schloss er mit seinem Volk einen Bund auf immer (Ex 19). - Das [heutige] Evange-lium erzählt, dass Jesus vor seinem ersten Auftreten in Galiläa vierzig Tage lang durch den Heil-igen Geist in der Wüste umhergeführt wurde (Lk 4,1). Sie galt als Ort der Probe darauf, ob einer seinen Willen ganz an Gott gebunden hat. – Johannes der Täufer nannte sich selber eine „Stimme, die in der Wüste ruft“ (Joh 1,23).

Ein heiliger Ort ist überall, wo Gott den Menschen begegnet. Nur wir selbst kennen diese für uns heiligen Orte: den Gipfel eines Berges, auf dem die ganze Herrlichkeit der Schöpfung vor uns lag; die Stelle, an der wir die Liebe unseres Lebens gefunden haben; die Wohnung, in der unsere Familie lebt; den Platz, an dem wir unseren Lebensunterhalt erarbeiten. Wir kennen das Krankenzimmer, in dem wir Schmerzen ausgehalten oder uns mit dem möglichen Sterben zurechtgefunden haben; wir besuchen den Friedhof, auf dem unsere Toten liegen. Gott begegnet uns überall. Er spricht uns überall an. Wo wir ihm vertrauend antworten, gilt für uns das Wort Gottes an Mose: „Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“

Heilige Orte halten Gottesbegegnung in Erinnerung


Wir kommen gern zurück an die Orte, an denen uns Gott in besonderer Weise nahe gekommen ist. Wir suchen aber auch die Orte auf, an denen Gott offenkundig anderen begegnet ist und von ihnen verehrt wird. Die Wallfahrten sind keineswegs aus dem religiösen Leben verschwunden. Sie entsprechen vielmehr einem Bedürfnis, das sich nicht nur in der christlichen Welt zeigt, sondern auch in anderen Religionen. Inmitten einer durch die moderne Technik und Elektronik rasch sich verändernden Welt suchen Menschen eine Verwurzelung in heiligem Boden. Je mehr sie unterwegs sind, desto mehr brauchen sie ein Zuhause. Je mehr Wissen, Wissenschaft und Information zur Verfügung stehen, umso größer wird das Verlangen nach einem letzten Sinn. Je weiter sich die medizinische Wissenschaft entwickelt, desto größer wird die Suche nach Wundern, die den ganzen Menschen heilen. Je stärker die Familien auseinander fallen und die Kirchen um ihre Mitglieder bangen, desto größer wird das Verlangen nach einer unbedingten menschlichen Gemeinschaft.
Die Menschen unternehmen Wallfahrten, weil sie etwas suchen, was sie in ihrer Alltagswelt nicht finden können. Wallfahrtsorte ziehen Touristen und Pilger an, Junge und Alte, Gesunde und Kranke, Einzelne und Gruppen. Wenn wir auf Wallfahrt gehen, erfahren wir nicht nur die Kirche als Volk Gottes auf der Pilgerfahrt des Lebens, sondern wir erleben auch, dass wir Menschen gemeinsam auf dem Weg sind zu einem Geheimnis, das sich unseren Erkenntniswegen entzieht.

Heilige Orte dienen dem Leben im Glauben


Im zehnten Jahrhundert vor Christus hat König Salomo in Jerusalem einen Tempel gebaut. Bei der Weihe dieses Gotteshauses hat er gebetet: „Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe“ (1 Kön 8,22). Der König wusste: Gott kann nicht in einen Tempel eingemauert werden, sodass er mit Sicherheit dort und nur dort anzutreffen ist.
Auch der Apostel Paulus hat in seiner Rede auf dem Areopag zu den Athenern gesagt: „Gott... wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind“ (Apg 17,24). Die Christen waren von Anfang an überzeugt: Gott ist uns nahe gekommen in Jesus; in ihm ist „das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). In ihm werden die Gläubigen selbst „im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2,22).
Jede Glaubensgemeinschaft braucht Räume zur Versammlung, zum gemeinsamen Gebet und zum Gottesdienst. Diese Räume werden künstlerisch gestaltet und bringen schon auf diese Weise den Glauben zum Ausdruck. Unsere Kirchengebäude sind heilige Orte, weil sich dort Menschen versammeln, die Gott anbeten und durch die Sakramente in Christus geheiligt sind. In der Feier der Eucharistie ist Jesus Christus in besonderer Weise gegenwärtig und bleibt es in der Gestalt des eucharistischen Brotes, das im Tabernakel aufbewahrt und verehrt wird.
Trotz der Gefahr von Diebstählen und Verunreinigung sollen die Kirchen untertags geöffnet bleiben. Wenn wir sie betreten, können sie für uns eine Raststätte für die täglichen Sorgen in Familie und Beruf sein, ein Ruhepol in der Hast des Verkehrs, in der Auf-geregtheit und Gereiztheit des öffentlichen Lebens. Diese Wohltat soll allen Menschen, die in unseren Kirchen Ruhe, Trost und Halt suchen, unbedingt erhalten bleiben; sie ist auch ein Dienst an der Öffentlichkeit. Wir müssen denen dankbar sein, die unsere Kirchen als Architekten geplant, als Bauleute geschaffen und als Künstler gestaltet haben. Wir müssen den oft unbekannten Spendern dankbar sein, die große Summen für die Baulasten aufgebracht haben; ebenso auch jenen, die bei Renovierungen unentgeltlich mitarbeiten. Ich danke bei dieser Gelegenheit auch allen, die unsere Kirchen betreuen, reinigen und schmücken.

Geöffnet


Unter dem Leitwort „geöffnet“ sind in dieser Fastenzeit heilige Orte ein geistlicher Schwerpunkt für unsere Diözese. Sie besitzt eine große Vielfalt von heiligen Orten. Kirchen, Klöster, Kapellen, Wegkreuze und Bildstöcke sind Zeugen des Glaubens und oft auch bedeutende Kunstschätze. Wenn wir sie besuchen, werden uns diese Schätze vertraut. Wir entdecken, was die Architekten durch ihre Kirchen und Kapellen, was die Künstler in ihren Bildern und Statuen zum Ausdruck bringen. Sie verkünden das Wort Gottes auf eine oft sehr eindrucksvolle Weise.
Die kostbaren Gefäße und Kleider für den Gottesdienst sind Dokumente der Ehrfurcht und Frömmigkeit. Es soll Gelegenheiten geben, sie einmal auch aus der Nähe zu betrachten; sie bergen Botschaften des Glaubens.
Die Begegnung mit Gott und mit gläubigen Menschen an heiligen Orten lässt uns neuen Mut fassen, die vielfältige Last unseres Lebens zu tragen und mit Vertrauen zu leben. Die vielen Kirchen und kirchlichen Kunstwerke in unserer Diözese sind Zeugen der Hoffnung auf ein neues und besseres Leben. Sie können uns für die große Vision des Johannes öffnen: „Ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein“ (Offb 21,1–3). Dieser endgültige heilige Ort ist das Ziel der großen Wallfahrt unseres Lebens. Wir gehen darauf zu im tiefen Ernst der Fastenzeit und in der Freude des Osterfestes.


Die Begegnung mit Gott und mit gläubigen Menschen an heiligen Orten lässt uns neuen Mut fassen, die vielfältige Last unseres Lebens zu tragen.


Maximilian Aichern, Bischof von Linz
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