„Exerzitien im Alltag“ – ein Weg, die Fastenzeit sinnvoll zu nutzen
Ausgabe: 2001/09, Exerzitien, Fastenzeit,
28.02.2001
- Hans Baumgartner
Im gewöhnlichen Alltag mehr zu sich kommen, die Mitwelt bewusster erleben und die Antennen neu auf Gott ausrichten – Christine Kaspar hat dafür ihren Weg gefunden.
Seit fünf Jahren bietet Christine Kaspar in der Pfarre Arzl in der Fastenzeit „Exerzitien im Alltag“ an. „Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass in mir eine Unzufriedenheit und Leere entsteht, wenn ich eine Zeit lang einfach so dahinlebe und mich vom Alltag zuschütten lasse. Ich habe entdeckt, dass es für mich wichtig ist, mir Zeit zu nehmen, wo ich zur Ruhe komme, wo ich in mich hineinhorchen und mein Leben bedenken kann – und wo ich dann auch mit Gott ins Gespräch komme“, erzählt Kaspar. Als die Diözese Innsbruck anlässlich des Jubiläums 200-Jahre-Herz-Jesu-Gelöbnis zur geistlichen Vertiefung „Exerzitien im Alltag“ propagierte und dafür Begleiter/-innen suchte, meldete sich Christine Kaspar. „Wir machten damals zur eigenen Vorbereitung vier Wochen lang das Programm durch. Mir wurde dabei immer klarer, das ist ein Weg, der mir sehr hilft, zu mir selber zu kommen, meinen Blick für meine Mitwelt zu öffnen und mit allen Sinnen die Antennen auf Gott hin neu auszurichten.“
Ein tolles Konzept
Was sie selber erfahren hat, gibt sie seither in jedes Jahr in ihrer Pfarre weiter. Sie erlebt dabei, dass „mir auch selber jedes Mal wieder etwas neu aufgeht, ich durch die veränderte Lebenssituation und durch das Gespräch in der Gruppe neue Erfahrungen und Einsichten mache.“ Kaspar hält das Konzept der „Exerzitien im Alltag“ für einen gelungenen Wurf. Über mehrere Wochen hindurch sind die Teilnehmer/-innen eingeladen, sich jeden Tag wenigstens eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, um sich und Gott näher zu kommen. Dafür gibt es sehr gute Unterlagen, die alle Sinne mit einbeziehen (vom Naturerleben bis zum Tanz und zur Bibelmeditation). Gut findet Kaspar auch die durch den Alltag gegebene Bodenhaftung, auch wenn es manchen schwer fällt, sich die nötige Zeit zu nehmen. „Unser Glaube und unser Menschsein spielen sich ja im konkreten Leben ab.“Das zweite tragene Element sind die wöchentlichen Zusammenkünfte in der Gruppe. Sie bieten die Möglichkeit, Erfahrungen der vergangenen Woche auszutauschen, Glaubensfragen und Lebensprobleme anzusprechen und so einander zu stützen. „Man lernt Menschen besser kennen und entdeckt bei so mancher/m, dass man in vielen Dingen dieselbe Wellenlänge hat. Das wirkt dann über die Exerzitien hinaus. Manchmal bricht auch etwas auf, wo man im Einzelgespräch Trost und Beistand anbieten kann“, meint Frau Kaspar.
Die Gruppe biete auch die Möglichkeit, neue Formen des Feierns, des Betens oder der Meditation zu erproben. Man lerne, lebensbezogen über den Glauben zu sprechen und sich selber mehr zuzutrauen, etwa dass man für einen Gottesdienst Fürbitten und Bußgedanken formuliert. Gerade diese Gruppentreffen werden von vielen als sehr positiv erfahren, berichtet Christine Kaspar. Dass aus einer Gruppe, die unbedingt weitermachen wollte, eine BibelTeil-Runde, die sich seither monatlich trifft, entstanden ist, freut sie besonders.
Zur Sache:
Exerzitien sind geistliche Übungen, die auf den Gründer der Jesuiten, Ignatius v. Loyola, zurückgehen. In der Betrachtung des Heilswirkens Gottes soll der Mensch sein Leben bedenken und den Weg suchen, den Gott ihm weist. Das Grundanliegen ist gleichgeblieben, in der Form haben die Exerzitien seit dem 16. Jahrhundert viele neue Ausprägungen erfahren. Das „jüngste Kind“ sind die „Exerzitien im Alltag“.
Sich im Alltag Zeit nehmen
Für den Pfarrkurator von Arzl, Tomy Mullur, sind „Exerzitien im Alltag“ ein guter Weg der Glaubensvertiefung. „Sie bieten die Möglichkeit, für sich selber über eine längere Zeit einen ernsthaften Glaubensweg zu gehen. Konkrete Übungen und der ,rote Faden‘ der Bibel helfen einem, mit sich und mit Gott in Einklang zu kommen. Man wird dadurch ruhiger und gelassener, auch Konflikten gegenüber, und lernt, den Alltag intensiver zu (er)leben“, meint Mullur. „Exerzitien im Alltag“ ermöglichen auch, über den Glauben miteinander ins Gespräch zu kommen, was im normalen Gemeindegottesdienst kaum stattfinde. Als Seelsorger schätze er die „Exerzitien im Alltag“ auch deshalb, weil sie ihm die Möglichkeit bieten, Menschen geistlich zu begleiten. Er habe festgestellt, so Mullur, dass diesen Weg oft auch Leute gehen, die nicht zum Kern der Kirchgeher zählen. Den gebürtigen Inder freut auch, dass in diesem Rahmen seine östlichen Meditationsübungen sehr gerne als Bereicherung angenommen werden.
Auskünfte und Unterlagen für „Exerzitien im Alltag“ gibt es im Referat für Spiritualität (Gudrun Guerini), Riedgasse 9, 6020 Innsbruck, Tel. 0512/22 30-580.
Tipps siehe auch Glaubensseite in der „Kirche“ in der Fastenzeit.