Die Entdeckung Gottes im Rummel der Weltanschauungen
Heilige Orte – Orte des Lebens (1): die Agora
Ausgabe: 2001/09, Heilige Orte, Agora,
28.02.2001
- Stefan Schlager
Athen, im Jahr 50: Auf dem großen Marktplatz, der Agora, herrscht reges Treiben. Menschen sprechen und lachen, andere diskutieren politisches Geschehen, manche hören Philosophen zu. Als gesellschaftliches und politisches Zentrum ist die Agora umrahmt von beeindruckenden Verwaltungs- und Kultgebäuden. Obwohl Athen längst seine weltpolitische Bedeutung verloren hat, zieht es als Kulturmetropole und wegen seiner hervorragenden Bildungsmöglichkeiten immer noch viele Menschen an. Es verwundert nicht, dass die Agora einst als „Mittelpunkt der Welt“ bezeichnet wurde, denn auf ihr treffen – wo sonst kaum – verschiedenste Ideen, Kulturen und Weltanschauungen aufeinander.
Eines Tages findet sich auf diesem Marktplatz ein Mann aus Tarsus ein, Paulus. In seiner Apostelgeschichte gestaltet Lukas diesen Besuch zu einer eindrucksvollen Begegnung auf dem „offenen Markt der Weltanschauungen“ (Apg 17, 16–34). Anstatt sich ängstlich zu verschließen oder sich in ein heimeliges „Nest“ zurückzuziehen, sucht Paulus ungezwungen die Begegnung mit den Menschen. Es wird sogar von Gesprächen mit Philosophen berichtet, die zu den bedeutendsten Schulen gehören. Paulus erfährt durch diese Offenheit aber auch Ablehnung. Schließlich wird der Apostel eingeladen, auf den Areopag zu kommen, einem Hügel, der an die Agora grenzt. Hier soll er seine neue Lehre vortragen.
Paulus verweist am Beginn der Rede auf eine Entdeckung. Mitten unter den Heiligtümern hat er einen Altar gefunden, der dem „Unbekannten Gott“ geweiht ist. Und so spricht er zu den Athenern: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“ Paulus macht uns mit dieser sensiblen Wahrnehmung auf die „grenzenlose“ Gegenwart Gottes aufmerksam, „keinem von uns ist er fern“ (Apg 17, 27). Der Mann aus Tarsus entdeckt mitten im pulsierenden Leben Spuren Gottes und geht offen auf Menschen zu. Paulus zeigt: Wer tief im Glauben verwurzelt ist, der muss sich nicht abschotten und verschließen. Der Glaube an Gott ermutigt und befähigt vielmehr zu echter Zeitgenossenschaft. Christlicher Glaube weitet und vertieft den Blick für Gottes vielfältige Gegenwart – auch an unvermuteten Orten.