Jeder Mensch braucht festen Boden unter den Füßen. Das wird uns im Winter immer wieder bewusst, wenn es eisig ist oder wenn wir von Lawinenunfällen hören. Eine Lawine, losgetreten oder sie löst sich von selbst, Menschen verlieren den Boden unter den Füßen, sie verlieren den Halt und werden überrollt. Das Bild passt ebenso in die Bereiche der Wirtschaft, der Beziehungen und eben auch des Glaubens. Der Glaubende macht sich fest in Gott. Abraham dient als immer wieder zitiertes Vorbild: Er hat sein Leben auf die Zusage Gottes gebaut. Und was passiert? Scheinbar nichts. Er und seine Frau werden alt und älter. Es wird eng. Hat er auf das falsche Pferd gesetzt? Entgleitet auch ihm der Boden, auf dem er fest zu stehen meint? Die Lesung nimmt diese Situation auf, die stellvertretend für die vielen anderen stehen mag, in denen der Boden unter den Füßen wegzubrechen scheint. Und doch: Abraham hält fest. Das meint das hebräische Wort für „glauben“, das in unserem „Amen“ (fest, zuverlässig) nachklingt. Unbeirrt steht er zu seinem Gott, der ihm in einem etwas eigenartigen Ritual, das den damaligen Menschen bei Vertragsabschlüssen geläufig war, neu die Zukunft verheißt.Diese Szene zeigt, dass Glauben weit mehr ist als eine Weltanschauung oder ein Für-wahr-Halten bestimmter Lehrsätze. Glauben hat mit Halt und Festigkeit in meinem Leben zu tun. Einem wankelmütigen König und seinen Beratern gibt der Prophet Jesaja zu verstehen: „Wenn ihr euch nicht an mich (Gott) haltet, werdet ihr keinen Halt finden“ (Jes 7, 9). Paulus beschwört seine geliebte Gemeinde in Philippi: „Steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn!“ (4, 1). Jesus ist der, der sich ganz und gar in Gott festgemacht hat. Das bringt der Evangelist Lukas im Bild des „betenden Jesus“ besonders schön zum Ausdruck. Diese Festigkeit in Gott befähigt ihn, sein „Ende“ in Jerusalem, auf das er unweigerlich zugeht, wahrzunehmen, es nicht zu verdrängen. Dieses „Ende“ ist zwar das neue Leben der Auferstehung, aber vor der Auferstehung wartet der Tod. Selbst in dieser extremen Situation am Kreuz findet er Halt bei seinem Vater: „In deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23, 46).Wir leben heute in einer Zeit, in der so viele Menschen Halt suchen. Vieles wird geboten (zu welchem Preis?!), aber fast ebenso vieles erweist sich als unhaltbar und brüchig. Der Glaubende ist zwar vor dem „Ausrutschen“ nicht gefeit, aber er kann sich drauf verlassen, dass der Boden unter seinen Füßen hält. Vielleicht denken wir daran: Jedes „Amen“ ist ein sprachlicher Widerhall des Glaubens an Gott als den festen Grund meines Lebens und ein Anruf, der mir Mut macht weiterzugehen.
P. Felix Gradl, Franziskaner aus Innsbruck, lehrt Erstes Testament an der Religionspäd. Akademie der Diözese Innsbruck in Stams.