Religiöse Minderheiten und ihre Probleme im Alltag ernst nehmen
Ausgabe: 2001/10, Vertrauen, Graz, Muslime, Gastarbeiter, Kumpfmüller, St. Lukas, Baloch
06.03.2001
- Hans Baumgartner
Das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen braucht nicht nur Toleranz. Aktive Vertrauensarbeit ist notwendig. Graz setzt ein Zeichen, das anstecken soll.
Viele gläubige Muslime in Österreich und Deutschland zahlen jahrelang in eine eigene Versicherung ein, damit sie in ihrer Heimat bestattet werden. Es kehren auch viele muslimische Gastarbeiter, die 30 und mehr Jahre in Österreich gearbeitet und gelebt haben, im Alter in ihre Heimat zurück. Der Grund dafür ist nicht Heimweh, denn viele von ihnen sind in ihren Herkunftsdörfern und Stadtvierteln längst entwurzelt. Und die meisten lassen auch nur schweren Herzens ihre Kinder und Enkelkinder in Österreich zurück. „Für einen gläubigen Moslem gehört es einfach zu seiner Relgion, in einem eigenen Friedhof bestattet zu sein. Muslimische Friedhöfe gibt es in Österreich aber nicht einmal in den meisten größeren Städten“, bedauert Karl Kumpfmüller. Ein anderes Beispiel: In der Geburtsbestätigung eines Grazer Spitals wurde der Sohn eines orthodoxen Paares „ohne Bekenntnis“ ausgewiesen. Der Computer konnte die Angabe des Vaters (griechisch-orthodox) nicht verarbeiten.
Einwanderung nötig
In Europa muss eine neue Qualität im Umgang mit religiösen und kulturellen Minderheiten entwickelt werden, ist Kumpfmüller überzeugt. „Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung – weniger Geburten und mehr alte Menschen – sind praktisch alle westeuropäischen Länder auf eine gewisse Zuwanderung angewiesen, um ihre sozialen Standards und ihre wirtschaftliche Stärke zu erhalten. Schon im eigenen Interesse, um den sozialen Frieden zu sichern und entsprechend qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland zu bekommen, müssen die Länder schauen, eine menschengerechte Einwanderungspolitik zu machen. Dazu gehört auch“, so Kumpfmüller, „dass man Zuwanderer unterstützt, bei aller notwendigen Anpassung ihre kulturellen und religiösen Traditionen zu leben. Das ist auch eine Bereicherung für unsere Kultur.“
Auftrag der Kirchen
Einen besonderen Auftrag, für ein gutes Miteinander von Menschen mit unterschiedlicher religiöser Herkunft einzutreten, sieht Kumpfmüller bei den Kirchen. Sie sollten die interreligiöse Zusammenarbeit nicht nur aus Gründen der christlichen Solidarität fördern, sondern auch deshalb, weil in einer Zeit der wachsenden ethischen Beliebigkeit eine gemeinsame Stimme der Religionen immer notwendiger wird. „Gerade in Fragen der Gentechnik, der globalen Wirtschaft, des Menschen- und Lebenschutzes, der Umwelt- und Friedensarbeit hätten die Religionen eine gemeinsame Basis. Sie gehen alle von einer gottgestifteten Würde des Menschen aus.“
Zusammenarbeit konkret
Um die Solidarität in der Gesellschaft und das Vertrauen zwischen den Religionen zu fördern , hält Kumpfmüller konkrete Initiativen an der Basis für besonders geeignet. Er schlägt vor, in Städten und Gemeinden mit einem größeren Ausländeranteil „interreligiöse Beiräte“ zu gründen. Sie sollen Fragen und Schwierigkeiten des Zusammenlebens beraten und gemeinsam Anliegen gegenüber politischen und öffentlichen Einrichtungen vertreten. Diese Anwaltschaft füreinander hat ein breites Betätigungsfeld, meint Kumpfmüller. Es reicht vom Wunsch nach eigenen Kultstätten und Friedhöfen bis zu mehr Rücksichtnahme in Altenheimen und Krankenhäusern, etwa auf das religiös begründete Schamgefühl muslimischer Frauen, auf religiöse Essensvorschriften oder auf die Probleme, die Muslime und Buddhisten mit der Obduktion haben. Es geht auch um Fragen der vorbeugenden Sozialarbeit oder um die Aufnahme von Mitarbeiter/-innen aus Minderheiten in Beratungseinrichtungen und Exekutive. In Graz wurde zur Vorbereitung einer europäischen Religionskonferenz (siehe unten) ein interreligiöser Arbeitskreis eingesetzt. Er beschäftigt sich zunehmend auch mit Fragen des konkreten Zusammenlebens vor Ort. „Wenn eine derartige Zusammenarbeit ernst gemeint und fruchtbar ist, dann führt das auch zu einer Stärkung der toleranten Kräfte gegenüber den Scharfmachern“, verweist Kumpfmüller auf einen wichtigen „Nebeneffekt“.
Religionsdialog in Graz 2003
2003 ist Graz „Europäische Kulturhauptstadt“. Harald Baloch von der Diözese Graz und Karl Kumpfmüller vom Grazer Friedensbüro haben für das Hauptstadt-Programm eine bemerkenswerte Idee geliefert. Auf ihre Initiative gibt es im Juni 2003 eine „Europäische interreligiöse Konferenz“. Zur Vorbereitung hat das Friedensbüro eine interreligiöse Arbeitsgruppe gebildet. Vom 10. bis 14. März findet eine Vorkonferenz mit Religionsvertretern aus zahlreichen Ländern statt. Einladende sind die Kulturhauptstadt-Intendanz Graz, die Stadt Sarajevo mit ihrem interreligösen Rat und die Stiftung Weltethos (Prof. Küng). Bei der Konferenz geht es nicht um den theologischen Dialog, sondern um praktische Probleme eines respektvollen und friedlichen Zusammenlebens von Menschen mit unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft. „Unser Anliegen ist es“, so Karl Kumpfmüller, „soziale, politische, religiöse und familiäre Spannungsfelder aufzuzeigen. Des Weiteren wollen wir gelungene Beispiele aus europäischen Städten sammeln. Sie sollen zeigen, wie Konflikte überwunden wurden, wie Spannungen vorgebeugt werden kann und wie durch interreligiöse Projekte Verständnis füreinander geschaffen wird.“ Kumpfmüller verweist hier auf Rotterdam, wo heuer im Rahmen des Kulturhauptstadt-Programms ein interreligiöser Predigt-Austausch stattfindet. Wie wertvoll solche Initiativen sind, weiß Kumpfmüller aus eigener Erfahrung: In der Grazer Pfarre St. Lukas gibt es heuer zum dritten Mal eine Reihe von Fastenpredigten, die Vertreter/-innen verschiedener Religionsgemeinschaften halten.