Südafrika: Aids-Notstand – Pharmakonzerne bangen um Patenterlöse
Ausgabe: 2001/11, Aids, Südafrika, Profit, Leben, Medikamente, HIV
13.03.2001
- Walter Achleitner
4,3 Millionen Menschen in Südafrika sind HIV-positiv. Zu hohe Medikamentenpreise machen eine Behandlung der Krankheit jedoch unmöglich.
„Unser Krankenhaus ist voll mit Aids-Patienten. Wir sind praktisch in einem Zustand, wo wir es nicht mehr schaffen“, sagt Sr. Regina Bachmann. Die Vorarlberger Missionsschwester leitet in Mariannhill das einzige Krankenhaus für die rund 800.000 Einwohner im Großraum Durban. „Die Region hat die weltweit höchste Aids-Rate. 1999 waren offiziell 4,3 der 40 Millionen Südafrikaner mit dem tödlichen HI-Virus infiziert. Die Dunkelziffer ist jedoch viel höher.“ Doch neben akuter Bettennot klagt Sr. Regina gegenüber der Kirchenzeitung auch über mangelnde Medikamente. „Bei uns kann sich niemand eine Behandlung mit dem Aids-Cocktail leisten. Woher sollten die Menschen auch Tausende von Schilling im Jahr dafür nehmen, wenn sie keine zehn Rand in der Tasche haben?“, fragt die Missionsschwester. Um Aids-Patienten in Südafrika den Zugang zu Medikamenten zu erleichtern, hat die Regierung unter Nelson Mandela 1997 ein entsprechendes Gesetz erlassen. Doch die umgehende Klage von 39 Pharmaproduzenten blockiert seither dessen Umsetzung. Sie sehen darin eine Verletzung ihrer Patentrechte, deren Gültigkeit zuletzt sogar ausgedehnt wurde.
Patente außer Kraft
Das von der Welthandelsorganisation (WTO) 1994 vereinbarte „Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums“ (TRIPS) verlängert die Laufzeit der Patente von bisher zehn auf 20 Jahre. Das Abkommen kennt allerdings auch die Möglichkeit der Beschränkung von Patentrechten im Falle des medizinischen Notstands. „Und damit argumentiert Südafrika. Es besteht Gefahr für Leib und Leben, weil niemand die teuren Aids-Medikamente zahlen kann“, erklärt Dr. Helma Hesse von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Österreich. „Es klingt zynisch, aber der Notstand wird von den Konzernen in Frage gestellt.“
Überraschung
Drei Jahre haben die Arzneimittelhersteller das Verfahren verzögert. Seit vergangener Woche nun wird ihr Streit mit der Regierung in Pretoria vor Gericht ausgetragen. „In der Zwischenzeit sind alleine in Südafrika 400.000 Menschen an den Folgen von Aids gestorben. Viele, weil sie sich keine Medikamente leisten konnten. Die Pharmaindustrie hat gleichzeitig weltweit Aids-Cocktails für 150 Milliarden Schilling verkauft“, weiß Dr. Hesse. Für eine Überraschung sorgte das Gericht bereits am zweiten Verhandlungstag: Eine nicht-staatliche Organisation, die für den leichteren Zugang zu Aids-Medikamenten eintritt, wurde als Sachverständige im Verfahren zugelassen. Die Pharmakonzerne forderten daraufhin eine Unterbrechung von 16 Wochen. Richter Bernard Ngoepe lässt jedoch schon am 18. April weiterverhandeln. Dann sollen HIV-infizierte Patienten als Zeugen auftreten und deutlich machen, was es bedeutet, sich keine Aids-Medikamente leisten zu können.
Hintergrund
Es geht um viel Geld
Im Juli 2000 ließ „Ärzte ohne Grenzen“ aufhorchen. Die Kosten für die aus drei Medikamenten bestehende Behandlung („Aids-Cocktail“) müsste auf 3000 Schilling pro Jahr (8,2 Schilling pro Tag) gesenkt werden. Die Forderung auf der internationalen Aids-Konferenz in Durban quittierten die Arzneimittelhersteller mit ratlosen Gesichtern. Kostet der Mix doch in Österreich rund 144.000 Schilling pro Patient im Jahr (395/Tag) und in den USA gar über 160.000 Schilling (mehr als 440/Tag).Doch auch eine Preisreduktion um 95 Prozent, wie sie die Ärzte fordern, wäre nicht grenzenlos. Denn seit Februar liegt den Friedensnobelpreisträgern von 1999 ein Angebot aus Indien vor: die Cipla Ltd. in Bombay, einer der größten Produzenten von Medikamentenkopien, will den Dreifachmix für 5250 Schilling im Jahr (14,4/Tag) an MSF verkaufen, ein Minus von 96,6 Prozent gegenüber dem US-Niveau. Regierungen sollte er 9000 Schilling (24,7/ Tag) kosten. In Senegal könnten damit drei Mal mehr Patienten eine Aids-Behandlung erhalten. Trotz spezieller UN-Förderpläne zahlt der Staat in Westafrika bis zu 27.300 Schilling (75/Tag). Und nach wie vor verweigern die fünf Produzenten, die mit UNAIDS zusammenarbeiten, jegliche Information darüber, wie viel ihre Aids-Produkte für Uganda und Ruanda kosten. Wen wundert es, dass in Afrika südlich der Sahara zwar 25 Millionen Menschen als HIV-infiziert gelten, aber nur 0,001 Prozent mit Aids-Cocktails behandelt werden. Doch die fünf größten der in Südafrika klagenden Pharmariesen werden bis auf weiteres jede Woche Arzneien für 33 Milliarden Schilling umsetzen und damit einen Gewinn von 8,4 Milliarden einfahren.