Was ist ein Name? Schall und Rauch?! Ab und zu entschlüpft uns die Bemerkung, dass der oder die einen schönen Namen habe. Die Muslims verehren die „99 schönen Namen“ Allahs. Der Gott der Bibel hat auch einen Namen; einen ganz besonderer Art, einen, der nur in Verbindung mit den Menschen genannt werden kann. Wer Gottes NAMEN sagt, muss zugleich an den Menschen denken. Sein NAME ist „ich bin da für euch“. So etwa lassen sich die vier Buchstaben des hebräischen Wortes JHWH ins Deutsche übertragen.
Unsere Bibeln geben diesen Namen meist mit „Herr“ wieder. Ist es nicht bezeichnend, dass dieser Name ausgerechnet in einer Situation ärgster Not und Unterdrückung genannt wird, in der Zeit der ägyptischen Sklaverei (s. 1. Lesung)? Gott steht auf der Seite der Ausgebeuteten und Entrechteten. Solidarität (mit Armen und Schwachen) ist ein neuer Name für JHWH. Dass Gottheiten auf das Tun der Menschen so oder so reagieren, ist nichts Neues in der Religionsgeschichte, dass aber Gott von sich aus sich für den Menschen (und die Welt!) engagiert, ist biblisch und neu. So haben es die Menschen des Ersten Testamentes erfahren, so haben es die Menschen des Neuen Testamentes im Umgang mit Jesus erfahren. In seiner Solidarität mit den Ausgegrenzten, mit den Verfemten, Schwachen, Entmündigten, Frauen … hat er den Namen „seines Vaters im Himmel“ Wirklichkeit werden lassen. In Jesus haben sie konkret erlebt, wer JHWH ist. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14, 9). „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein“ (vgl. Mt 11, 5). Kein Wunder, dass Beterinnen und Beter voll Freude ausrufen: „Wie herrlich ist dein Name!“
Das ist alles gut und recht. Aber was ist mit der Kehrseite der Medaille? Was ist mit den Armen nicht nur in der sog. Dritten Welt, was mit den verhungernden Kindern, den versklavten Frauen, den Opfern von Erdbeben und Katastrophen (s. Evangelium)? Gewiss, auch sein Name ist dem Zugriff des Menschen entzogen, ist und bleibt ein Geheimnis. Die jüdische Tradition wagt es nicht, seinen Namen auszusprechen – aus Ehrfurcht. Eine dauernde Gemahnung an das bleibende Geheimnis? Das meint aber keineswegs eine vorschnelle Flucht und Ausflucht ins Unverbindliche. Denn sind nicht zuerst wir selber in die Solidarität seines Namens gerufen, wir, die wir zu ihm gehören, gefordert, hier und jetzt seinen NAMEN zu tun. „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe …“ (vgl. Jes 58, 6ff). Und trotz allem gilt: Wo und wann immer sein NAME genannt wird – mit oder ohne Stimme, in Freude gepriesen oder geschrien in der Wut, im Elend vielleicht nur noch ein Hauch – überall dort wächst das Rettende auch.
P. Dr. Felix Gradl ofm lehrt Erstes Testament an der Religionspäd. Akademie der Diözese Innsbruck in Stams.