Rom, Babylon, Jerusalem – alle diese Städte haben eines gemeinsam: sie haben berühmte Tore. Diese mächtigen Tore lassen noch heute die Bedeutung dieser Bauten erahnen: das Tor war einst eine wichtige „Schlüssel-Stelle“. Jede Person, die in die Stadt hinein oder sie verlassen wollte, musste das Tor passieren. Nur hier erhielt man Zugang zur Gesellschaft, zu den Märkten, Kulten und Festen einer Stadt. In der Bibel erfahren wir, dass das Tor auch einmal jener Ort war, wo Gerichtsverhandlungen und Beratungen abgehalten wurden. Sehr schön wird das im Buch Rut geschildert, wo es Boas im Tor gelingt, den Besitz seines verstorbenen Verwandten rechtmäßig zu erwerben – und auf diese Weise die Witwe Rut zur Frau zu gewinnen. Das Tor hatte also eine Schlüssel-Funktion für rechtliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Belange. Wie gut, wenn an diesen wichtigen Stellen die richtigen Personen saßen – mit Weitblick und Gespür für das menschlich Mögliche, denen es wirklich um Gerechtigkeit geht. Vielleicht könnte Jesus von Nazaret auch diese „Schlüssel“-Qualitäten im Auge gehabt haben, als er vom engen und vom weiten Tor sprach: „Geht durch das enge Tor! Denn … das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn.“ (Mt 7, 13–14) Jesus möchte wohl mit diesen Worten Mut machen, in ein Leben „einzutreten“, das sich an seinem Beispiel orientiert. Er verschweigt dabei nicht, dass solch ein Leben auch anspruchsvoll, steinig und unbequem werden kann.
Das Leben, das Jesus zumu-tet, hat eine spezielle Prägung. In seinem Zentrum steht die Beziehung zu Gott und, damit untrennbar verbunden, die Zuwendung zu den Menschen. Bei Jesus von Nazaret wird deutlich: Die persönliche Beziehung zu Gott formt und kann so zu aufmerksam-konkreter Verantwortung, aber auch Gelassenheit und langem Atem führen. Und noch etwas fällt bei dem Mann aus Nazaret auf: Selbst „Kleinste und Unbedeutendste“ haben in seinen Augen die Fähigkeit, so zu leben wie „Einflussreiche und Mächtige“, wie Menschen an „Schlüssel-Positionen“. Wir dürfen daher vertrauen: Wer das „enge Tor“ wählt, riskiert zwar Schwierigkeiten, aber gewinnt dafür an Weite, Tiefe und Menschlichkeit.