11-jährige Mädchen mit Ess-störungen, 12-jährige Buben, die stehlen, lügen oder zuhauen – „verhaltensoriginelle“ Kinder werden mehr.
Hinter dem neuen flapsigen Begriff „verhaltensoriginell” für verhaltensauffällig steht ein großer Leidensdruck aller Betroffenen. Der Kinder- und Jugend-psychiater Prim. Dr. Werner Gerstl sprach im Rahmen der Vortragsreihe „Kinder kriegen ist (meist) nicht schwer – Kinder erziehen dagegen sehr ... ” über das, was Kinder wirklich brauchen. Sie wurde vom Verein für prophylaktische Gesundheitsarbeit (PGA) in Linz veranstaltet. Dr. Gestl: „Unsere Welt ist absolut nicht kinderfreundlich. Verhaltensauffällige Kinder sind immer das Produkt der bestehenden Verhältnisse!“. Sie verlagern ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit woanders hin.
Aufgebrachte Volksmeinung
„Die Eltern rennen arbeiten, haben keine Zeit, die Kinder hängen vor dem Fernseher!“, so eine aufgebrachte Veranstaltungsteilnehmerin. „Keine Schuldzuweisungen, bitte!“, so Prim. Gerstl, denn so einfach sei es nicht. Wir müssen mit den Herausforderungen leben lernen – z. B. auch mit den neuen Technologien. Was natürlich nicht heißt, dass man Kindern alles erlauben soll. Erziehen sei absolut nötig, nicht überstreng, aber konsequent. Kinder brauchen Grenzen. Einige Richtlinien: Kindern Freiräume, Kreativität und Bewegung ermöglichen, viel mit ihnen reden ... und gelassener reagieren.Gerstls Erfahrungen: Wir überfrachten die Kinder mit Erwartungen und weisen Rollen zu, anstatt sie anzunehmen, wie sie sind. Wichtig ist: Aufbauen – statt bloßstellen, entwerten und demütigen! Gerade die Pubertät ist eine schwierige Zeit, in der man viel Geduld braucht, wobei rein äußerliche Dinge wie grüne oder rote Haare kein Problem sein sollten. Leider sind Eltern selber oft am Rande ihrer Kräfte oder sich in Erziehungsfragen nicht einig. Viele (die meisten?) Väter klinken sich aus dem Erziehungsalltag aus – die Mütter sind allein gelassen und überfordert. Wenn die eigenen Kräfte und auch das Wissen nicht ausreichen, ist frühe professionelle Hilfe zielführend. Gerstl erlebt oft, dass es kaum einen Weg zueinander gibt, wenn der Karren einmal verfahren ist.