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Leben mit einem Dollar pro Kopf und Monat

Barbara Coudenhove-Kalergi erzählt, wie sie Weißrussland erlebt hat
Ausgabe: 2001/17, Coidenhove-Kalergi, Weißrussland, Tschernobyl, Leben, Menschen, Tod, Elend, Temelin
24.04.2001
- Barbara Coudenhove-Kalergi
Vor 15 Jahren – am 26. April 1986 – explodierte der Atomreaktor von Tschernobyl. Am schlimmsten betroffen ist Weißrussland.

Weißrussland ist eines der allerärmsten Länder in Europa und ein Land, das im Westen weitgehend vergessen ist. Hier, sagte uns eine Sozialamtsleiterin, leben fünfzig Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Diese liegt in Weißrussland bei einem Dollar pro Kopf und Monat. Ein Wecken Schwarzbrot kostet zwei Dollar. Als ich vor einiger Zeit mit der österreichischen Caritas dort war, haben wir gesehen, wie in den Familien das Brot geschnitten wird: in hauchdünnen Scheiben, sorgfältig abgezählt, damit auf jeden eine Scheibe kommt. Oft gibt es nicht einmal das.Der Todesreaktor von Tschernobyl steht in der Ukraine, 16 Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt. Die Katastrophe hat Weißrussland noch weit schlimmer getroffen als die Ukraine.

Lieber verseucht als verhungern


70 Prozent der Schadstoffe gingen auf weißrussischem Gebiet nieder. Eine Viertelmillion Hektar sind völlig verstrahlt und mussten evakuiert werden, aber manche Dorfbewohner haben es vorgezogen, in den Todesstreifen zurückzukehren. „Ohne unser Gärtchen“, sagten sie uns, „können wir mit unserer Rente in der Stadt nicht überleben. Hier haben wir wenigstens unsere Gurken und Kartoffeln. Lieber zuhause an den Strahlenfolgen sterben als in der Stadt verhungern.“Die Weißrussen sind mit ihrem Elend weitgehend allein gelassen worden. Einer der Gründe dafür ist, dass hier ein Diktaturregime altsowjetischer Prägung an der Macht ist, das kaum Kontakte in den Westen zulässt. Das Land ist isoliert. Es gibt keine freien Medien, die Opposition ist gefesselt, immer wieder kommt es vor, dass Regimegegner spurlos verschwinden. Unter diesen Bedingungen gehört die Caritas zu den ganz wenigen internationalen Organisationen, die in Weißrussland wirken und helfen können.Wie die lokalen Caritasleute trotz aller Beschränkungen erfolgreich arbeiten, hat auch den Caritas-Profis aus Österreich immer wieder Respekt abgenötigt. Es sind durchwegs hervorragende Leute, die – großteils mit Freiwilligen – Projekte betreuen, für Alte, Kranke, für Behinderte und für Kinder sorgen. Vor allem durch Strahlenschäden behinderte Kinder werden oft im Krankenhaus „vergessen“, weil die Eltern sie zuhause ganz einfach nicht versorgen können. Hier springen die Caritas-Mitarbeiter ein.

Ein Schritt in Richtung Demokratie


Wo die Caritas ist, dort ist mitten in einer Diktatur, wo alles dem Staat überantwortet ist, plötzlich ein Stück Zivilgesellschaft. Menschen übernehmen Eigenverantwortung, machen Ideen wahr, wirken mit ihrem Beispiel auf öffentliche Sozialeinrichtungen als Vorbilder. Die österreichischen Caritas-Mitarbeiter haben es erlebt: Wer in Weißrussland hilft, der tut nicht nur etwas für Not leidende Menschen, er tut auch etwas für die sich langsam entwickelnde Demokratie in einem schwer geschlagenen und trotz allem liebenswerten Land.
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