Mein Sohn und ich durchquerten einen Gebirgsfluss. Als wir in der Mitte waren, wusste ich nicht mehr, auf welchen Steinkoloss unter dem Wasserspiegel ich treten sollte. Mein Sohn erkannte meine Ratlosigkeit und begann mir Mut zuzusprechen. In seiner unbeschwerten Art ging er mir voraus und zeigte mir von Stein zu Stein die bestmögliche Route. Am jenseitigen Ufer klopfte er mir anerkennend auf die Schulter „Papa, das hast du gut geschafft. Ich hab dir ja gesagt, du musst aufpassen, wie ich es mache.“ Ich muss zugeben: Angenehm war mir in meiner so selbstverständlichen Rolle als Vater nicht zu Mute. Damals hätte ich als Bub diese Erfahrung nicht gemacht. Ich hätte nicht gewagt, die Rolle des Ratgebers meines Vaters einzunehmen. Dass man nur reden soll, wenn man gefragt wird, widersprechen nicht erlaubt ist, wurde mir schon früh beigebracht.
Die Erziehung heute ist sicher nicht einfacher geworden, aber sie birgt die Chance in sich, ehrlicher, offener und damit menschlicher zu sein. Auch die Glaubwürdigkeit wird nicht gleich in Frage gestellt. Nicht nur in dieser Begebenheit, sondern auch in vielen Begegnungen mit Jugendlichen war das Aufgeben der traditionellen Machtposition letztlich ein Gewinn für beide Seiten. Die Wertschätzung der Person Jugendlicher ist der beste Beitrag für gesundes Selbstbewusstsein und Gewissensbildung. Dass blinde Überheblichkeit wie auch Besserwissertum nur blockiert, das lernten wir beide, ich als väterlicher Begleiter und mein Sohn auf dem Weg zu einem solchen.
Alois Sattlecker, Diakon, Religionslehrer, Vater eines 14-Jährigen