Ein kranker Mensch braucht seine Stimme, um seine Lebens- und Leidensgeschichte und seine Glaubensgeschichte zum Ausdruck zu bringen. Weiß ich darum, so hat dies Auswirkungen auf den Umgang mit diesem Menschen und umgekehrt.
Gerade ein Krankheitserlebnis kann einen Menschen tiefgreifend verändern. Während einer in der Krankheit die Kraft des Glaubens erfährt, kann ein anderer darin tief verunsichert und enttäuscht werden und sich von Gott abwenden. Dies erfahre ich aber eher z. B. bei der Kommunionspendung als in meiner pflegerischen Tätigkeit. Frau M. kommt zum dritten Mal zur Aufnahme. Sie umarmt mich und erzählt den Mitpatienten, dass ich ihr zu Weihnachten, als sie herzoperiert worden war, die hl. Kommunion gebracht hatte. Dann erwähnt sie noch ihren Aufenthalt vor drei Jahren und ihre Erinnerung an mich. Durch dieses Gespräch habe ich bei den Mitpatienten schon Vorschusslorbeeren geerntet. Nicht immer gelingen Gespräche und Erstkontakte so gut.
Im Laufe meines Berufslebens habe ich gespürt, dass jeder Mensch Hoffnung auf etwas hat (ob gesagt oder nicht), was hinter diesem irdischen Leben liegt. In den Statuten der Luisenschwesternschaft, deren Mitglied ich bin, steht Krankenpflege unter dem Gesichtspunkt christlicher Ethik – dies bedeutet für mich: Dass ich die Frage des Patienten nach dem Warum seiner Krankheit aushalte; dass ich Verzweiflung und Angst zulasse und keine Patentlösung darauf weiß; dass ich da sein kann, wenn jemand schreit, sich abwendet, weil die Hoffnung geschwunden ist und ich nicht sagen kann und darf: es wird alles gut oder bessser (weil keine Besserung oder Heilung mehr zu erwarten ist); dass ich Sterben und Tod zulassen kann und meine Tränen des Mitleids nicht verstecke; dass ich Schwerkranken die Hand auflege oder ihnen ein Kreuzzeichen mache als Zeichen, dass er/sie unter Gottes Schutz steht. Kranke suchen einen Menschen, dem sie sich anvertrauen. Diese Offenbarungen halten sich an keine Tages- oder Nachtzeit. Sie geschehen im Einzelzimmer, im Vierbettzimmer oder im Bad während der Körperpflege. Meine Arbeit begleiten folgende Zeilen aus dem „Luisengebet“: Gib unseren Händen Kraft, damit sie segnen, helfen und heilen.