Zwei Jahre nach der NATO-Intervention im Kosovo sind haben viele internationale Helfer die Krisenprovinz wieder verlassen. Was bleibt, sind anhaltende Spannungen und die Not derer, die von niemandem Hilfe bekommen.Ende Mai 2001 in Fush Kosovo, einem Vorort der Hauptstadt Prishtina, in dem knapp 500 Familien leben. 98 Häuser wurden hier im Krieg oder durch Gewaltakte zerstört. Seit Ende März die Nahrungsmittelhilfe der UNO eingestellt wurde und es auch der kosovarischen Sozialhilfeorganisation „Mutter-Teresa-Vereinigung“ an Mitteln mangelt, sind – wie überall im Land – die armen Dorfbewohner verunsichert.
Hilfe für Minderheiten
Der Mann, auf den viele ihre Hoffnung setzen, heißt Karl Helmreich. Der Österreicher, Benediktiner des Stiftes Melk, hat im Rahmen des Evangelischen Diakoniewerkes ein Wiederaufbauprojekt gestartet, an dem sich auch Caritas und die österreichischen Benediktiner beteiligen. Bewusst hilft Karl Helmreich auch Angehörigen von Minderheiten so der Gruppe der Ashkali, wie die albanisch sprechenden Roma genannt werden. Nicht immer gibt es dafür Zustimmung. Ende letzten Jahres flog eine Handgranate gegen den von ihm bewohnten Campingbus. Niemand wurde verletzt. Doch die Botschaft war klar: „Pass auf, wem du hilfst!“Versöhnung nach der Unterdrückungs- und Kriegszeit kommt erst langsam auf den Weg. Zu schmerzhaft sind die Wunden der Vergangenheit, Verdacht und Misstrauen sind allgegenwärtig. Kaum ein Ort, an dem es nicht Erschießungen oder Übergriffe gab. Besonders isoliert sind serbische Dörfer, die nur unter Militärschutz sicher sind.
486 Häuser aufgebaut
Doch so lange materielle Sorgen quälen, ist wenig Bereitschaft zu finden für Versöhnung und eine gemeinsame Zukunft. Umso wichtiger ist es, klug zu helfen. Professionelle, menschennahe Hilfe hat Thomas Preindl bei manchen internationalen Organisationen vermisst. Der Innsbrucker ist für die Caritas Österreich in Istok im Wiederaufbau tätig. „Groß stand auf Häuser geschrieben, von wem sie restauriert werden. Aber nach dem Foto für die Spender geschah nichts mehr“, zeigt sich Preindl enttäuscht. Mit Hilfe der Caritas Österreich konnten statt den geplanten 400 sogar 486 Häuser wieder aufgebaut werden.
Noch viel zu tun
Andererseits sei manche Frustration der Helfer/-innen aus aller Welt verständlich. Abgesehen von jenem Missbrauch, der nie auszuschließen ist, habe sich im Kosovo eine „Nehmer-Mentalität“ entwickelt unter der Devise „Wir lassen bauen“. Beim Wiederaufbau setzt die Caritas, wie auch Karl Helmreich in seinem Programm, auf die Eigenbeteiligung. Nicht schlüsselfertige Häuser stellen sie bereit, sondern je nach Familiengröße Baumaterial und Beratung.Nur mehr wenige Helfer sind vor Ort. Jede Woche ziehen Organisationen ab, deren Hunderte im Kosovo engagiert waren. So viel bleibt noch zu tun. Vor allem, wenn es um Versöhnung in den Köpfen und um Heilung der Herzen geht.
Zur Person:
Für den Kosovo berufen
Seit Spätsommer 1999 ist Sr. Maria Martha Fink (66) in Peja/Pec auf Kosovo-Einsatz. Zuvor war die Barmherzige Schwester vier Jahre im Raum Mostar (Bosnien-Herzegowina) als mobile Krankenschwester tätig. Warum hat sich die gebürtige Vorarlbergerin für dieses Engagement entschieden? Sr. Martha: „Während des Betens spürte ich eines Tages, dass die Not in Ex-Jugoslawien eine Herausforderung für mich ganz persönlich ist, obwohl ich mich zuvor mit dieser Gegend nicht beschäftigt hatte. Die Ordensleitung war nicht begeistert von meiner Idee. Ich hielt daran so stark fest, dass sie mich an den Rand des Ordensaustrittes brachte. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, dieser Satz steht über meinem Tun.“
Nun ist Sr. Martha Tag für Tag mit ihrem MIVA-Geländefahrzeug in sieben Orten rund um die Stadt Peja unterwegs. Sie besucht kranke oder allein stehende Menschen aller Volksgruppen. „Für viele bin ich die einzige Möglichkeit, um an Hilfe zu gelangen“, berichtet die Ordensfrau. Dies ist nun umso mehr geworden, da die meisten internationalen Hilfsorganisationen den Kosovo verlassen haben.
Neben medizinischer Hilfe, zum Beispiel für Diabetes- oder Schlaganfallpatienten, bringt Sr. Martha armen Familien Lebensmittel. Zusammen mit ihrem einheimischen Team geht es ihr aber auch um geistige Unterstützung: vom Bibel- oder Korangespräch bis zum Reden über die traumatischen Kriegsereignisse.