Rivalitäten der Kirchen in der Ukraine werfen ihre Schatten auf die bevorstehende Visite des Papstes. Diese gilt als eine seiner schwierigsten Reisen.
Auch wenn im Vorfeld der 94. Auslandsreise von Johannes Paul die Differenzen eher beschwichtigt werden. Aber: erstmals stellt sich die größte Kirche eines Landes dem Kommen des Papstes dezidiert entgegen. Die knapp über 9000 Pfarren zählende ukrainisch -orthodoxe Kirche, die zum Patriarchat Moskau gehört, lehnt den Besuch strikt ab. Ihr Metropolit Wolodymyr und Moskaus Patriarch Alexij II. sehen in der Ukraine, dem Kernland des slawischen Christentums, das ihnen zustehende Territorium.
Gleichgewicht halten
„Nun fährt der Papst dorthin, wo sich der Patriarch von Moskau nicht sehen lassen darf“, analysiert Univ.-Prof. Dr. Ernst Christoph Suttner, Ordinarius für Ostkirchenkunde an der Uni Wien. Denn die orthodoxe Kirche sei in den nationalen Selbstbehauptungskampf massiv hineingezogen. Ein großer Prozentsatz orthodoxer Christen in der Ukraine habe sich von Moskau losgesagt.Wie es Johannes Paul gelingt, das Gleichgewicht zwischen den in drei Lager gespaltenen Orthodoxen zu wahren, darin sieht der Ostkirchenexperte „die große Schwierigkeit dieser Visite. Denn wenn der Papst zu den einen redet, wird er von den anderen verketzert und umgekehrt.“Schlüsselfigur dabei ist Filaret, der selbsternannte Patriarch der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats, der rund 2800 Pfarren angehören. Nach seiner 1990 gescheiterten Kanditatur für das Amt des Patriarchen in Moskau hat sie Filaret von der russischen Kirche abgespaltet. Sie wird von der Weltorthodoxie nicht anerkannt. Die Begegnung mit dem Papst würde ihn aufwerten, befürchtet Moskau. „Das ist eine große Klippe für den Papst“, meint Suttner. Denn „je skeptischer Moskau ist, umso ökumenischer zeigt sich Filaret.“ Als noch russisch-orthodoxer Metropolit von Kiew gab sich der heute 72-Jährige jedoch ganz anders. Von 1968 an im Amt, hatte Filaret jedes Streben nach Unabhängigkeit der Ukraine bekämpft. Ebenso leugnete er das Fortbestehen der unierten Kirche. Heute jedoch bedauert er es als „schweren Fehler“, dass sie 1946 aufgelöst, mit der Orthodoxie zwangsvereinigt und blutig verfolgt wurde.Als nach der Wiederzulassung 1989 die Unierten aus dem Untergrund treten, werden sie binnen kurzer Zeit zur größten Kirche der Westukraine. Heute gehören ihr fünf Millionen Gläubige in 3300 Pfarren an. Das führte zu Spannungen – zum Teil auch gewaltsamen Konflikten – mit der Orthodoxie, die seither anhalten: vor allem geht es um die Besitzrechte an Gotteshäusern.
Streitigkeiten beilegen
Der aufstrebenden griechisch-katholischen Kirche, die sich gleichermaßen als Ost- wie auch als Westkirche versteht, haben sich ebenso 700 orthodoxe Priester angeschlossen. Und mehr als tausend Gemeinden wechselten ihre Kirchenzugehörigkeit. Die seit 1946 in der Westukraine etablierte Orthodoxie konterte darauf mit dem Vorwurf der aggressiven Mission und des Proselytismus.Dass es nicht so weitergehen kann, meint Pfarrer Borys Gudziak. Er ist Rektor der Theologischen Akademie in Lemberg. Im Blick auf die Jugend sagt er: „Wir müssen den Streit beilegen. Das, wofür sich die Menschen interessieren, hat nichts mit kirchenrechtlichen Streitfragen zu tun.“ Auf seine Erwartungen für den am Samstag beginnenden Besuch des Papstes angesprochen, meint Rektor Gudziak: „Wenn dieser 80-jährige Mann kommen und sagen kann: Oksana in Lemberg oder Iwan in Kiew, dein Leben hat Sinn, dein Leben hat Würde – dann wird es ihm die Ukraine danken.“
www.papalvisit.org.ua/ger
HINTERGRUND
Ukrainer in Österreich
Lemberg, Zentrum der ukrainisch-griechisch-katholischen Kirche, war bis 1918 Teil Österreich-Ungarns. Aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit gibt es auch heute in Österreich zwei bemerkenswerte Einrichtungen:
Canisianum Innsbruck.
Seit 1899 ist das internationale Studienhaus auch Ausbildungsstätte für griechisch-katholische Theologen aus Galizien. Zu den namhaftesten Innsbrucker Studenten zählte Kardinal Myroslaw Lubatschiwskyj. Der Großerzbischof war 1991 aus dem Exil in Rom nach Lemberg zurückgekehrt. Im Dezember 2000 ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Drei Absolventen der Jesuitenuniversität, Andrej Iszczak (1887–1941), Jakim Senkowski (1896–1941) und Klemens Szeptyckij (1869– 1951) werden am 26. Juni in Kiew mit 24 weiteren Personen selig gesprochen. Seit 1991 wird die Tradition wieder fortgesetzt. Derzeit bereiten sich im Canisianum sechs Ukrainer auf ihren Priesterberuf vor – ob als angehende Ehemänner oder ob dem Zölibat freiwillig verpflichtet.
Zentralpfarre Wien/St. Barbara.
Die 1784 für die Seelsorge der Unierten errichtete Pfarre betreut heute rund 7000 Personen in ganz Österreich. Neun von zehn kommen aus der Westukraine. Pfarrer Viktor Kurmanowytsch: „Mein Vater kam 1917 aus Galizien zum Studium nach Wien.“ Seit 1995 hat sich die Zahl der Unierten in Österreich verdoppelt. Besuchen Sie uns im Internet: members.aon.at/ukrchurch