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„Toxisch“ heißt „giftig“. Von toxischer Männlichkeit spricht man, wenn männliche Rollenbilder eine Beziehung oder das gesellschaftliche Klima belasten. Ernst Aigner, der sich als ehemaliger Religions- und Geschichtelehrer und aktiver Kabarettist für Menschenrechte einsetzt, warnt davor, dass toxische Männlichkeit auch die Demokratie vergiftet und langsam zersetzt. Grundsätzlich, meint er, haben Männer und Frauen die gleichen Möglichkeiten, ihren Charakter zu entwickeln. Einfühlsam oder aggressiv, fürsorglich oder beherrschend, kämpferisch oder kooperativ. Doch seit der Sesshaftwerdung der Menschen vor etwa 8.000 Jahren habe sich ein Männlichkeitsbild etabliert, das für Männer wie Frauen schädlich sei. „Durch die Anhäufung von Besitz gab es Arme und Reiche“, bezieht sich Aigner auf Gerda Lerners Standardwerk „Die Entstehung des Patriarchats“. Den Besitz wollte man an die leiblichen Kinder vererben – dazu wurde es notwendig, die Frauen, ihren Körper und ihre Sexualität zu kontrollieren. Außerdem wussten die Menschen nicht, dass es eine weibliche Eizelle gab. Aus den männlichen Samenzellen, so die Meinung, würden sich im Normalfall männliche Nachkommen entwickeln. Nur wenn etwas schiefging, würden weibliche Nachkommen entstehen – die Frau als missglückter Mann.
Über die Jahrtausende habe sich ein zerstörerisches Männlichkeitsdenken festgesetzt. „Ein Bild, wonach der Mann immer stark sein muss und keinen Schmerz zeigen darf, sich als Sieger und Held präsentieren muss. Das ist einer der Gründe, warum die Welt so trostlos beisammen ist, wie sie ist“, sagt Aigner. Denn toxische Männlichkeit stecke hinter den Gefahren unserer Zeit: hinter Krieg und Umweltzerstörung sowie hinter der Rückkehr autokratischer Politik.
Auf einen ganz ähnlichen Befund kommt der islamische Theologieprofessor Mouhanad Khorchide. Er leitet den wissenschaftlichen Beirat der Dokumentationsstelle Politischer Islam in Wien. Unter Politischem Islam wird hier eine Herrschaftsideologie verstanden, die im Widerspruch zu Grundsätzen des demokratischen Rechtsstaates steht. Dabei spielen patriarchale Vorstellungen eine große Rolle, erklärt Khorchide. Auch er beschreibt toxische Männlichkeit als Ideologie der Macht. „Sie bedeutet, keine Schwäche zu zeigen, Stärke zu demonstrieren und hart aufzutreten.“ Die Frau zu kontrollieren, den Körper der Frau zu kontrollieren, gehöre ebenso dazu wie möglichst auch andere Männer zu kontrollieren. Das setze Männer enorm unter Druck und schade ihnen selbst. Das zeige sich etwa in einer wesentlich höheren Suizidrate unter Männern als unter Frauen.
Deshalb hat Mouhanad Khorchide an der Universität Münster, an der er die Islamisch-theologische Fakultät leitet, eine Arbeitsstelle für kritische, interdisziplinäre und interreligiöse Männlichkeitsforschung eingerichtet. „Harte“ Männlichkeit sei im islamischen Kontext noch weit verbreitet, aber kein rein islamisches Phänomen. Und sie ließe sich nicht mit dem Koran begründen. „Es ist wie bei der Bibel“, erläutert der Theologe. „Man findet Gewalt und toxische Männer- wie Frauenrollen auch in der Bibel. Heute verortet man die Texte im jeweiligen historischen Kontext.“ Das könne und müsse man auch beim Koran berücksichtigen. „Wer die Bibel oder den Koran wortwörtlich liest, meint, dass die Geschichten von damals göttliches Gesetz auch für heute darstellen. Das ist falsch.“ Sowohl in der Bibel wie im Koran gäbe es auch zahlreiche Gegenbeispiele zu toxischer Männlichkeit. Die Propheten, die sowohl im Alten Testament als auch im Koran vorkommen, würden weinen, Schwäche zeigen, Depressionen durchmachen und klagen. Schwäche zu zeigen, sei keine Schwäche, sondern Stärke, sagt Khorchide. Sie würde auch Empathie, also Einfühlungsvermögen, fördern. Und diese sei Grundlage für positive Männlichkeit. Wie man das Gegenteil von toxischer Männlichkeit eigentlich nennt, ist nicht so eindeutig. Positiv? Modern? Konstruktiv? Heilsam? Es steckt wohl von allem etwas drinnen, aber eine eindeutige Formulierung dafür wurde noch nicht gefunden.
Mouhanad Khorchide hat sich im neu veröffentlichten Buch „Jenseits der Härte“ mit Fragen der Männlichkeit auseinandergesetzt. Und er bietet an der Universität islamisch-theologische Seminare an, in denen er mit Studierenden zu diesem Thema arbeitet. „Von Studenten höre ich, dass es sie total entlastet, wenn sie sich selbst nicht ständig unter Druck setzen müssen, immer die Stärksten und die Coolsten zu sein.“ Gleichzeitig würden sich die Studenten aber auch fragen, ob sie eine Frau finden würden, wenn sie nicht dominant auftreten. Khorchides Antwort darauf: „Ich gestalte die Seminare nun so, dass Studentinnen und Studenten gemeinsam zu diesen Themen forschen und arbeiten.“ Es sei ja ein Thema, das Frauen betreffe. „Es gibt auch Frauen, die toxische Männlichkeit reproduzieren. Etwa Social Media Predigerinnen, die erklären, dass das alles gottgewollt sei und Frauen eben zu gehorchen hätten.“
Dasselbe stellt auch Ernst Aigner fest. „Wenn eine Frau ihrem Mann zum Beispiel alles abnimmt und ihn gleichsam behandelt wie ein Kind, dann unterstützt sie eine destruktive Männlichkeit.“ Also eine Männlichkeit, die nicht fürsorglich ist und sich nicht um andere kümmert. Ein Männlichkeitsbild, das sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft weiter gepflegt wird. „Die Starken setzen sich durch, ist dort die Grundthese. Die Großen fressen die Kleinen. Es ist ein Fressen oder Gefressen Werden.“ Die große Frage ist, wie die Gesellschaft aus diesem Druck herauskommt. Es brauche Vorbilder für junge Männer und Frauen, meint Aigner. Derzeit haben Influencer der „harten Männlichkeit“ großen Einfluss auf Jugendliche. Das müsse sich ändern. „Wenn Buben in der Pubertät nicht wissen, was das ist, ein Mann – das ist ganz gefährlich.“ Es brauche nicht nur Social Media, sondern echte, analoge Beziehungen. „Es muss klar sein: Stärke zeigt nicht der, der jemanden niederschlägt, sondern der, der jemandem aufhilft.“
In dasselbe Horn stößt auch der Theologe Mouhanad Khorchide. „Es braucht Gegennarrative zu hegemonialer Männlichkeit, auch Gegennarrative zum politischen Islam. Es ist unsere Aufgabe, einen Islam, der weltoffen ist, zu etablieren.“ Dazu gehört ein Verständnis von Männlichkeit, die mehr mit Verantwortung als mit Macht verbunden ist. Es brauche Männer, die sich für die Gesellschaft einsetzen, die hilfsbereit und empathisch sind und sich für andere stark machen. „Echte Männer ermöglichen, dass andere wachsen können. Das braucht Selbstsicherheit,“ sagt der Wissenschaftler. Ernst Aigner erinnert an die Goldene Regel: „Was du von anderen erwartest, tu auch ihnen. Das Leben könnte so einfach sein.“ Und als Leitspruch empfiehlt er: „Locker bleiben! Aber nicht locker lassen.“
Auch ein Kabarettist darf einen ernsten Vortrag halten ...
Als Mitglied der „Plattform für Kultur und Menschlichkeit“ setzt sich Ernst Aigner seit Jahren für Demokratie und Menschenrechte ein.
Am 19. September, 19.30 Uhr, hält er den Vortrag „WIE MAN(N) DIE DEMOKRATIE ZERSTÖRT. Und warum wir sie beschützen müssen“ im Salzhof,
Freistadt. Tickets um 10,– € unter local-buehne.at/tickets
Mouhanad Khorchide, Jenseits der Härte – Warum der Koran keine Machos kennt, Verlag Herder 2026, 208 S., 22,70 €, eBook 16,99 €
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