Ukraine: soziale Lage ausweglos – Im Kampf gegen Armut hilft Österreich
Ausgabe: 2001/25, Ukraine, Armut, Österreich
19.06.2001
- Walter Achleitner
Vom 23. bis 27. Juni besucht Johannes Paul II. die Ukraine. Seit der Unabhängigkeit 1991 kämpft das osteuropäische Land mit einer wirtschaftlichen Dauerkrise. Straßenkindern und vereinsamten Alten gilt besonders die Hilfe der Kirche.
„Es ist eine echte Freude, mit anzusehen, wie wohl sich die Menschen hier fühlen“, schildert Felicitas Filip ihre Eindrücke vom Besuch im Seniorenzentrum von Saltovka. 800.000 Menschen leben in der grauen Trabantenstadt von Charkow. Die Stadt im Nordosten der Ukraine galt bis zur Unabhängigkeit 1991 als Industriemetropole. Von den 137 Großbetrieben zur Sowjetzeit haben 30 überlebt. Der größte von ihnen, eine Waffenschmiede, bietet statt wie früher 200.000 heute gerade noch 20.000 Menschen eine Chance, den Lebensunterhalt zu verdienen.„Es sind vor allem alte Menschen und Kinder, die ihrem Schicksal alleine überlassen werden. Sie zählen zu den Opfern der Krise. Und es gibt kein Geld, sie im sozialen Netz aufzufangen“, beschreibt Filip die ausweglose Lage. Das vor zwei Monaten von der Caritasmitarbeiterin neu eröffnete Senio-renzentrum in Saltovka ist eine der ganz wenigen Ausnahmen. Filip: „Armut macht einsam. Der Treffpunkt will dem entgegnen.“
Warme Duschen und Waschmaschinen
Über einhundert Menschen, die meisten von ihnen im Alter zwischen 60 und 80, kommen täglich in das Zentrum. Zwei warme Mahlzeiten und die Möglichkeit, den Tag in geheizten Räumen verbringen zu können, sind für sie an sich schon interessant. Dass darüber hinaus auch warme Duschen, funktionierende Waschmaschinen und einfache medizinische Hilfe angeboten werden, macht die Tagesstätte noch attraktiver. Finanziert wird diese Oase für ältere Menschen ebenso wie drei weitere in der Ukraine mit Spenden aus Österreich. Für den Aufbau und die Startphase stehen auch EU-Gelder zur Verfügung: „Im Zuge der Russlandkrise 1998 hat Brüssel eine Wirtschaftshilfe zur Verfügung gestellt. Nur Lebensmittelpakete zu verteilen war mir zu wenig. Vielmehr sollte daraus etwas Längerfristiges entstehen“, erklärt Felicitas Filip. Die Mitarbeiterin der Caritas in Österreich setzt auf langfristige Strategien im Kampf gegen Armut in der Ukraine. Mit der griechisch-katholischen Kirche in der Westukraine hat Filip in den vergangenen acht Jahren den Aufbau der Caritas mitgetragen. 1999 startet sie eine professionelle Hauskrankenpflege, das einzige Projekt dieser Art landesweit.Die Arbeit mit ehemaligen Straßenkindern, deren Zahl auf über 300.000 geschätzt wird, ist ein weiterer Schwerpunkt für die kirchlichen Helfer. Gegenwärtig unterstützt die Caritas Österreich 40 Projekte in der Ukraine.
ZEITRAFFER
Die Unierten in der Ukraine
1594: Ostslawische orthodoxe Bischöfe in Polen-Litauen sprechen sich für eine Union mit Rom aus. Sie halten es für möglich, dass eine Kirche, dieGemeinschaft zu Patriarchaten ohne direkter Communio pflegt, zur Brücke wird.
1595: Rom versteht das Kiewer Ansuchen um Sakramentengemeinschaft zwischen beiden Schwesterkirchen als Bitte um Eingliederung in die lateinische Kirche. Doch das schließt die Gemeinschaft mit jenen Kirchen aus, die zu Rom im Schisma stehen.
1596: Zahlreiche Ostslawen, die eine Union mit der Rom unterstützten, gehen wegen des Verhandlungsergebnisses in Opposition. Die Synode von Brest stimmt der Union (ukrainisch griechisch-katholische Kirche) zu, eine parallele Gegensynode verwirft sie. Kiew ist gespalten in Unierte und die, die orthodox bleiben.
1792: Polen-Litauen ist zwischen Russland, Österreich-Ungarn und Preußen aufgeteilt. 80 Prozent der Unierten gelangen unter russische Herrschaft, die in Folge der russisch-orthodoxen Kirche eingegliedert werden.
1807: Österreich-Ungarn stellt die Unierten in Galizien (Westukraine) den Lateinern gleich. Lemberg wird Sitz des Großerzbischofs.
1918: Bürgerkrieg zwischen Polen und Ukrainern. Galizien wird polnisch.
1946: Die von den Sowjets inszenierte Schein-Synode vereinigt die Unierten mit der russisch-orthodoxen Kirche. Widerspenstige werden nach Sibirien deportiert.
1989: Am Tag des Besuches von Gorbatschow im Vatikan meldet Radio Moskau, dass die Repression gegen die Unierten eingestellt wird und sich Kirchengemeinden registrieren lassen können.