Familie, Freundschaften und Vorbilder werden für Jugendliche immer wichtiger. Die Religiosität nimmt weiter ab und entfernt sich immer mehr von kirchlichen Bindungen.
Vergangenen Montag wurde das vom Pastoralsoziologen Christian Friesl herausgegebe Buch über die „Wertewelt der österreichischen Jugendlichen“ vorgestellt. Für Friesl zeichnen sich gegenüber der Wertestudie vor zehn Jahren deutliche Veränderungen ab (s. auch Kasten). Im Kirchenzeitungsgespräch hebt er drei Ergebnisse besonders hervor:
– Die Familie hat als schon bisher wichtiger Lebensbereich noch an Bedeutung gewonnen. Geradezu wieder entdeckt wurde der Wert von Freundschaften. Sie sind den Jugendlichen in den letzten zehn Jahren um die Hälfte wichtiger geworden. An Bedeutung gewonnen haben auch Erwachsene als Vorbilder. „In einer Welt, in der die Jugendlichen in einem fast unbegrenzten Angebot an Informationen, Kulturen und Werten ihr Leben finden müssen, werden verlässliche und intensive Beziehungsnetze immer wichtiger“, meint Friesl.
– Die große Distanz und das Desinteresse gegenüber der institutionellen Politik habent weiter zugenommen. Der Aufschwung an Politikinteresse mitte der 90er Jahre und die Hoffnung mancher, dass nach dem Regierungswechsel eine Repolitisierung eingesetzt hat (Donnerstagsdemos), hat sich als nicht nachhaltig erwiesen.
– 42 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich als „religiöse Menschen“; 1990 waren es noch 51 Prozent. Ein Viertel ist „noch unentschieden“. Noch viel deutlicher ist der Rückgang, wenn es um die christlich-kirchlich gebundene Religiosität geht. Das Vertrauen in die religiösen, ethischen und sozialen Kompetenzen der Kirchen ist nur mehr sehr gering. Der regelmäßige Gottesdienstbesuch hat in zehn Jahren von 19 auf neun Prozent abgenommen. Das Bild des christlichen Gottes wird immer blasser. Nur mehr 20% glauben an einen persönlichen Gott, aber 50% an ein unpersönliches „höheres Wesen oder Prinzip“.
Kein pastorales Rezept
Für Friesl spiegelt sich in dieser Entwicklung einerseits die deutlich zurückgegangene religiöse Praxis der Elterngeneration wider, wodurch bei den Kindern immer seltener ein tieferer Bezug zu Religion und Kirche entsteht. Er sieht darin aber auch den „radikalen Durchbruch“ der modernen Gesellschaft mit ihrem „Zwang zur Wahl“ in allen Lebensbereichen. „Die Zeiten sind vorbei, wo Menschen in bestimmte Milieus (oder Kirchen) hineinsozialisiert werden und darin ihr Leben lang bleiben.“ Außerdem hab auch in Österreich das Christentum kein Religionsmonopol mehr. Für suchende Jugendliche gebe es eine Fülle von Angeboten, aus denen sie sich , so wie auch die Erwachsenen, „ihre“ Religion aus oft unterschiedlichsten Bauteilen „basteln“. Wie die Kirchen an die Jugendlichen und ihre stark medial geprägten Lebenswelten herankommen, dafür gebe es kein Rezept, meint Friesl. Da Glaube aber wesentlich auf persönlicher Vermittlung beruht, kommt es vor allem auf das gelebte Zeugnis und das persönliche Gespräch an. „Außerdem müssen wir die Jugendlichen bei ihren persönlichen Biografien quasi einzeln abholen, da es um ihre ,Wahl‘ geht“, meint Friesl. Er sieht darin eine besondere Chance für die Laien, zumal „Vorbilder“ wieder gefragt sind. Weiters plädiert Friesl für eine vertiefte Ausbildung der Jugendseelsorger/-innen. Die müssen sich in der Lebenswelt des Einzelnen, aber auch im gesellschaftlichen und jugendkulturellen Umfeld auskennen. Und schließlich müssten unter aktiver Beteiligung der Jugendlichen lokale persönliche Netze (Freundschaft!) aufgebaut und verstärkt auf regionaler und überregionaler Ebene neue Formen des Feierns und der Begegnung („Events“) entwickelt werden. „Ein durchschnittlicher Sonntagsgottesdienst in einer durchschnittlichen Pfarre wird kaum mehr einen suchenden Jugendlichen ansprechen.“
ZUR SACHE
Das Leben ist ein Experiment
Wer heute „die Jugend“ beschreiben will, stößt auf eine „unübersichtliche Generation“, die in vielen verschiedenen Lebensinseln, Kulturen, Lebensstilen und Wertangeboten zu Gast oder zu Hause ist. In dieser Unübersichtlichkeit wird die einzelne Biografie des/r Jugendlichen immer wichtiger. Ihr Leben sehen die Jungen zunehmend als ein Experiment, das sie – jeder für sich – aus einem immer größeren Angebot von Versatzstücken entwickeln.
Bei ihrer Studie über das „Jung-Sein“ heute stießen die Forscher auf verschiedene markante Trends:
– Jugendliche sind in vielen Belangen nicht anders als die Erwachsenen; gerade im Bereich der Werte kommen sich Jugendliche und Elterngeneration immer näher.
– Jugendliche von heute sind „anders“ jung als vor zehn Jahren. Einerseits werden sie schon früh als Kids mit den Problemen der Erwachsenenwelt konfrontiert, andererseits verzögert sich das Selbständigwerden (25-jährige im Hotel Mama sind keine Seltenheit).
– Die „Modernisierung“ der Gesellschaft hat das Jungsein dramatisch verändert. Die tratditionellen Sozialmilieus lösen sich auf; Jugendliche erleben sich verstärkt als auf sich allein gestellte Individuen. Dazu kommt eine unübersichtliche Vielfalt von Meinungen, Werten, Lebenskonzepten und Wissensangeboten, die vor allem durch die modernen Medien vermittel werden. Mit der größeren Freiheit nimmt auch die „Qual der Wahl“ zu. Die radikal privatisierte Entscheidungsfreiheit führt häufig zu einer recht pragmatischen Lebensorientierung.
Mehr infos: www.kirchenzeitung.at
Buchtipp: Christian Friesl (Hg.), Experiment Jung-Sein. Die Wertewelt österreichischer Jugendlicher. Cernin-Verlag, 240 Seiten, öS 278,–.