„Die Verleihung des Solidaritätspreises hat mir viel Kraft gegeben.“ Der Muslim Zekeriya Eser freut sich über die Auszeichnung durch die Kirchenzeitung.
Wie wenn es gestern gewesen wäre, erinnert sich Eser an seine Ankunft in Linz als Gastarbeiter vor dreißig Jahren. Der Job in der VOEST gab dem jungen HTL-Absolventen Halt, aber das Lebensumfeld brachte sein Weltbild ins Wanken. Eser gründete 1974 den ersten „türkischen Kulturverein“ Oberösterreichs, in dessen Räumlichkeiten auch eine kleine Moschee untergebracht war. Die muslimischen Kulturvereine sind inzwischen in ganz Oberösterreich verbreitet (siehe Hintergrund unten).Seit seiner Ankunft in Österreich engagiert sich Eser für seine Landsleute: als Dolmetsch, als Funktionär im Kulturverein und nun in der Islamischen Glaubensgemeinde Oberösterreich.Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Türken in der Linzer Neustadt führten Eser Anfang der neunziger Jahre zu einer entscheidenden Begegnung. Gemeinsam mit dem Linzer Kommunalpolitiker Dr. Karl Pree setzte er sich für die friedliche Beilegung des Konflikts ein. Aus dieser Zusammenarbeit wuchs eine Vertrauensbasis, die das religiöse Gespräch zwischen den beiden gläubigen Menschen möglich machte. Inzwischen wurde Eser zum offiziellen Beauftragten des Präsidenten der islamischen Glaubensgemeinde Österreichs für den christlich-muslimischen Kontakt ernannt. Eser schätzt die Lage der Muslime in Oberösterreich recht nüchtern ein. Nach der notwendigen Selbstorganisation in „Kulturvereinen“ folgte der zweite Schritt nicht mehr: die Öffnung zur österreichischen Gesellschaft. „Es war nicht unsere Absicht uns abzuschließen, aber auch manche Reaktionen von Einheimischen haben dazu beigetragen“, erklärt Eser: „Wir müssen das ändern.“ Dazu möchte er als Ansprechpartner für alle Fragen des muslimisch-christlichen Dialogs beitragen. Nach erfolgreichen Pilotversuchen plant die islamische Gemeinde auch einen oberösterreichweiten „Tag der offenen Moschee“ im Jahr 2002.
HINTERGRUND
Islam in Zahlen
Oberösterreich zählt 1,38 Millionen Einwohner. Da die „Religionszugehörigkeit“ in der Volkszählung 2001 noch nicht ausgewertet ist, beruht die aktuelle Zahl der Muslime auf Schätzungen: Lebten 1991 20.390 Muslime (Volkszählung) in Oberösterreich, rechnet die Islamische Gemeinde nun mit 30.000 (in ganz Österreich rund 300.000). Der überwiegende Teil kommt aus der Türkei, kleinere Gruppen aus Bosnien und aus Ägypten. Die Gemeinschaften sind als einzelne Vereine organisiert, zu denen jeweils eine Moschee gehört. Die Mehrzahl der Vereine sind Mitglied bei der „Türkisch-islamischen, kulturellen und sozialen Vereinigung“ oder bei der strenger religiös orientierten „Milli Görüs“ (wie der aus den Medien bekannte Verein in Traun).