„Es ist gar nicht leicht, eine Kultur der Erinnerung zu leben.“ Diese Worte aus der Braunauer Predigt von Prof. Manfred Scheuer (siehe ganz unten) gelten besonders dem Gedenken an die NS-Zeit.
„Zur Lebensgeschichte gehört es, die Erinnerung wach zu halten. Wer alles vergisst, hat höchstens eine Fleckerlteppich-Identität, wird treulos und ein unverbindlicher Hüpfer von einem ,Event‘ zum anderen.“ Prof. Scheuer sprach in der Predigt auch die christliche Erinnerungs-Gesinnung an: „Erinnerung an die Opfer lässt sich nur in der Hoffnung auf Gott durchhalten, der mit den Opfern etwas anfangen kann, ansonsten würde die Solidarität mit den Leidenden, mit den Opfern, an einem willkürlichen Punkt abgebrochen...“
In Friedburg haben seit 1942 Menschen die Erinnerung an einen Priester weitergegeben, der am 22. Juni 1942 am Dachboden des Pfarrhauses erhängt aufgefunden wurde. Das Ehepaar Winkelmeier aus Friedburg und die Jägerstätter-Biografin und Historikerin Dr. Erna Putz sind nun diesen Erinnerungen gezielt nachgegangen.
Die Bevölkerung hat dieses nie aufgeklärte und offiziell zugedeckte Geschehen den Nazis zugeschrieben. Sie hätten den Pfarrer ermordet. Den Schulkindern wurde verboten, über den Pfarrermord zu sprechen. Der 1901 in Pischelsdorf geborene Josef Forthuber war 1937 bis 1942 ein beliebter Pfarrer und geschätzter Prediger in Friedburg, besonders auch bei Ministranten und Jugend wegen seiner sozialen Einstellung.
Am Sonntag vor seinem gewaltsamen Tod predigte er, weil die Jugend im Gottesdienst fehlte: „Wo ist unsere Jugend? Die jungen Männer wurden schon in den sinnlosen Krieg geschickt, jetzt holt ihr noch die Mädchen und Buben zu diesen Treffen der Hitlerjugend in Braunau.“
Prof. Joseph Werndl, Passauer Domkapellmeister i. R., ein Neffe Forthubers, erinnerte sich bei der Braunauer-Veranstaltung: Seine Mutter erzählte immer, wenn sie vom Grabbesuch heimkam, Pfarrer Forthuber hätte sich nie und nimmer selbst getötet. Das hätte ihr die Bevölkerung immer wieder zu verstehen gegeben.
HINTERGRUND
„Rätselhafter Tod“
Bischof Josephus Calasanz Fließer schrieb in einem Brief an Pfarrer Gregor Weeser-Krell vom rätselhaften Tod dessen Vorgängers, Pfarrer Forthubers. Also war auch der Bischof von der offiziellen Version eines Selbstmordes des Friedburger Pfarrers in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1942 nicht überzeugt. Man fand den Pfarrer, der zur Frühmesse nicht erschienen war, erhängt am Dachboden des Pfarrhauses, splitternackt. Am Strang war noch frischer Kuhmist. Wo sollte der hergekommen sein, hatte der Pfarrhof doch keine Landwirtschaft mehr? Auf der Treppe, auf der der Pfarrer Mehl ausstreute – offensichtlich, weil er einen Anschlag befürchtete – gingen die Tritte wirr durcheinander. Das Zimmer war durchstöbert. Macht das jemand, der vor hat, seinem Leben ein Ende zu bereiten? Nie und nimmer hat er das getan, er wurde ermordet, weil er den Nazis ein Dorn im Auge war, sind Zeitzeugen überzeugt.
Liebendes Gedächtnis
Gott, du bist liebendes Gedächtnis, das niemanden und nichts verloren gibt. In deine Hand und in dein Herz sind unsere Namen geschrieben. Wir gedenken der Opfer des Nationalsozialismus, der Opfer des Terrors, sinnloser Gewalt und des Krieges ... Wir danken für ihr Zeugnis und bitten dich: Lass ihnen Gerechtigkeit widerfahren und gib uns die Kraft, für Freiheit, Menschenwürde und Frieden einzutreten.
Gebet von Dr. Manfred Scheuer, Professor für Dogmatik in Trier und Postulator im Seligsprechungsverfahren für Franz Jägerstätter), bei einem Gedenk-Gottesdienst am 26. Oktober 2001 in Braunau.