Beweggründe, Wirken und Bilanz eines kritischen Pfarrgemeinderats
Ausgabe: 2001/50, Pfarrgemeinderatswahl, Pfarrgemeinderat, Zeit schenken, Zeit, Wirke, Hirschhubern, Wattens
17.12.2001
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Ewald Hirschhuber (64) ge-nießt in der Tiroler Industriegemeinde Wattens hohes Ansehen. Sein Wort hat auch in der Pfarre Gewicht.
Hirschhuber war bis zu seiner Pensionierung Leiter des Rechnungswesens bei Swarovski. Er nahm damit in der Führung dieses Weltkonzerns eine hohe Stellung ein. Die Firma ist der größte Arbeitgeber für die Bewohner von Wattens und Umgebung.1997 wählten die Wattener Gläubigen Hirschhuber erstmals in den Pfarrgemeinderat. Er erhielt viele Vorzugsstimmen. Im März 2002 wird er sich neuerlich der Wahl stellen. Die Frage, wa-rum er das tue, beantwortet er spontan so: „Ich will damit deutlich erkennbar zeigen, dass ich zur Pfarre Wattens gehöre und mir die Pfarrgemeinde viel wert ist.“
Das „Tun am Werktag“ zählt
Hirschhuber ergreift nach eigenen Angaben bei den Sitzungen des Pfarrgemeinderats häufig das Wort. Was er sagt, hat Gewicht. Und das weiß er auch. Er will sich aber in erster Linie als „Mann der Tat“ verstanden wissen. Es gehe ihm nicht darum, sein Christsein lautstark an die große Glocke zu hängen, betont er. Wenn aber jene, mit denen er zusammentrifft, bemerken, dass sein Tun vom christlichen Glauben her motiviert ist, „so soll mir das recht sein“.Hirschhuber ist überzeugt: Christlicher Glaube darf sich nicht im sonntäglichen Messbesuch erschöpfen. Viel mehr zähle das „Tun am Werktag“, das vor allem der Tugend der Nächstenliebe entsprechen müsse.
Ein Fan der Heiligen Schrift
Ewald Hirschhuber ist ein Fan der Heiligen Schrift. „In der Bibel steckt so viel Weisheit. Ich würde mir wünschen, dass sie viele viele Leute entdecken.“ Ihm persönlich hilft dabei eine ökumenische Bibelrunde. Wattener evangelische Christen haben sie gegründet. Hirschhuber nimmt seit ca. sechs Jahren teil. Zehn bis fünfzehn Personen kommen monatlich einmal zusammen. Sie lesen Stellen der Hl. Schrift, spüren den geschichtlichen Hintergründen nach und besprechen die mögliche Bedeutung für die heutige Zeit und für den Alltag. Die wertvollen Erfahrungen in dieser Bibelrunde haben in Hirschhuber die Überzeugung gestärkt, dass respektvolle Begegnungen von Christen verschiedener Kirchen auch auf Pfarr-ebene ein Gebot der Stunde sind.
Dasein für Alte und Kranke
Sein konkretes soziales Tun stellt Hirschhuber unter das Motto „Zeit haben“. Besonders alte und kranke Menschen sind ihm ans Herz gewachsen. Seit vielen Jahren arbeitet er im sog. „Sonntagsdienst der Pfarre Wattens“ mit. Frauen und Männer verpflichten sich freiwillig, regelmäßig am Sonntag Vormittag die alten Menschen im Seniorenheim zu besuchen. Überdies macht er jeden Freitag Taxidienst für Senioren, die z. B. zur Bank, zur Apotheke oder zum Friedhof wollen. Angeschlossen hat er sich auch der pfarrlichen „Krankenbesuchsgruppe“. Er sucht alte und kranke Menschen auf. Viele von ihnen haben wie er bei Swarovski gearbeitet. Und es macht viel Freude, wenn der „hohe Besuch“ kommt.
Nüchterne Beurteilung
Ewald Hirschhuber ist ein kritischer Geist. Seine Mitarbeit im Pfarrgemeinderat beurteilt er nüchtern. Ihm persönlich sei es bisher nur in „Kleinigkeiten“ gelungen, wirklich etwas zu bewegen. Als Beispiel dafür führt er an, dass auf seine Anregung hin jetzt bei den sonntäglichen Messfeiern den Lesungen kurze Einführungen in die oft schwierigen Texte vorange-stellt würden. Auch bemühe man sich, die vielfach vorgelesenen „No-Na-Fürbitten“ durch Fürbitten mit aktuellen Bezügen zu ersetzen.Jene, die im Pfarrgemeinderat mitarbeiten, sind laut Hirschhuber Menschen, die ihr Christsein mit z. T. bewundernswertem Einsatz leben. Die Bedeutung des Gremiums „Pfarrgemeinderat“ sei aber für das tatsächliche Geschehen in der Pfarre nicht groß. Seiner Ansicht nach liegt das am Fehlen einer echten Mitbestimmung, am Fehlen einer effizienten Sitzungskultur, am Fehlen einer befruchtenden Opposition und am Fehlen von Pfarrgemeinderatsaus-schüssen. Wirklich Fruchtbares geschieht seiner Ansicht nach durch Privatinitiativen in erster Linie in den pfarrlichen Gruppen. Und die „brauchen den Pfarrgemeinderat eigentlich nicht“.
Hirschhuber ist fest davon überzeugt: Eine wirkliche Erneuerung in Kirche und Pfarre werde es erst geben, wenn vor allem Frauen in der „hierarchischen Kirche“ mitentscheidende Positionen einnehmen können. Denn Frauen „sind nicht so verkopft wie wir Männer“.