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Ich werde da traurig

Rosa Martl gestaltet eine Ausstellung über die Geschichte ihrer Familie
Ausgabe: 2001/50, Sinti, Roma, Rosa Martl, Martl, Solidaritätspreis, Familie, 2001
17.12.2001
- Judith Moser-Hofstadler
Rosa Martl erhielt den Solidaritätspreis 2001 der Kirchenzeitung. Sie setzt sich für Roma und Sinti in Westösterreich ein.

Etwas hektisch geht es zu im Büro von „Ketani“ in Linz. Rosa Martl ist gerade dabei, den Jahresbericht für 2001 zu schreiben und neue Förderanträge zu stellen. Die Finanzen des Vereins machen ihr ständig Sorgen. „Ich bin eigentlich kein Büromensch“, sagt Rosa Martl über sich selber. „Ich wäre lieber draußen bei den Menschen, dort wo’s brennt.“ „Wo’s brennt“, ist zum Beispiel eine Roma-Flüchtlings-Familie, die drei fremde Kinder aufgenommen hat, weil diese niemanden hatten

.

Geschichte der Sinti


Für 2002 hat sie ein großes Projekt vor: „Geh’ mit uns ein Stück des Weges. 200 Jahre Sinti in Oberösterreich“. Frau Martl ist gerade dabei, das Fotomaterial für eine Ausstellung zu sichten – zahllose Bilder, auf denen Sinti-Familien zu sehen sind. Die meisten der Menschen gibt es nicht mehr.Vor der Gründung des Vereins „Ketani“ vor drei Jahren war Rosa Martl Geschäftsführerin im Außendienst einer Rechtsschutzversicherung. „Sehr erfolgreich“, sagt sie selbst. Gelernt hat sie „Koch mit Konditorenausbildung“ und war bei einem prominenten Linzer Wirt angestellt.16 Jahre lang hat Rosa Martl für die Staatsbürgerschaft ihrer Mutter Rosa Winter gekämpft. 1991 war es schließlich so weit.Die Geschichte der Sinti in Oberösterreich ist die Geschichte der Familie von Frau Martl. Für den Staatsbürgerschaftsnachweis ihrer Mutter hat sie die Geschichte der Familie erforscht. Sie hat Aktenberge durchwühlt und so manches Interessante dabei gefunden. Etwa die Gewerbeberechtigung für ihren Urgroßvater Bartholomäus Kerndlbacher aus dem Jahr 1906. In der Pfarre Hochburg sind von 1765 bis 1891 Kerndlbacher in den Taufmatriken verzeichnet. Rosa Martl sagt, dass von etwa 300 Mitgliedern der Familie nur drei das NS-Regime überlebt haben: die Mutter von Rosa Martl und zwei ihrer Onkels. Einer davon war mit der Familie in Wien als „U-Boot“ untergetaucht.Die Fotos erzeugen ein Gefühl der Hilflosigkeit. Es ist nicht mehr möglich, diese Menschen kennen zu lernen, und mit ihnen ist eine eigene Kultur zerstört worden. „Ich werde da schon immer sehr traurig, wenn ich das anschaue“, erzählt Rosa Martl. Einige besonders schöne Fotos haben einen makaberen Hintergrund: Sie stammen von den Aufnahmen zum Film „Tiefland“ im Jahr 1940. Die Regisseurin Leni Riefenstahl hat „Zigeuner“ aus dem Sammellager Maxglan in Salzburg geholt und als „Spanier/innen“ für den Film benutzt. Ein Foto zeigt die Mutter von Frau Martl. Nach den Dreharbeiten sind die Roma und Sinti in Konzentrationslager deportiert worden. Um eine Entschädigung als Opfer des Nationalsozialismus zu bekommen, musste Rosa Winter erst die österreichische Staatsbürgerschaft haben. Nach mehr als 200 Jahren in Oberösterreich galten die Kerndlbacher, die Familie von Rosa Winter, nicht als österreichische Staatsbüger/innen. Mit dem Erfolg für ihre Mutter sind weitere Sinti und danach Roma zu Rosa Martl um Hilfe gekommen. Vor drei Jahren wurde der Verein „Ketani“ gegründet, und Rosa Martl ist dort angestellt.

Die Struktur fehlt


Sie arbeitet nicht nur die Vergangenheit auf, sondern kümmert sich vor allem um Sinti und Roma, die heute Probleme haben. Frau Martl besucht Häftlinge: Roma und Sinti, die aus Rumänien oder dem ehemaligen Jugoslawien kommen und hier niemanden haben. Ein wichtiger Bereich der Arbeit ist die Betreuung von Flüchtlingen. Doch immer wieder kommt sie zu den Ereignissen des NS-Regimes. „Unsere Gruppe ist so radikal dezimiert worden“, sagt sie. „Es fehlt die Struktur. Gerade die Alten, die die Macher waren.“ Dies sei auch die Ursache für den sozialen Verfall, den es in der Gruppe gibt.
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