Die Mutter evangelische Jüdin, katholisch verheiratet
Ausgabe: 2002/02, Juden, Schicksalsgemeinschaft, Helmut Paul, Paul
08.01.2002
- Ernst Gansinger
Geschichte kann als Fakten-Stapel geschildert werden oder am Schicksal von Menschen, ja ganzen Familien, nahe kommen. Das gilt besonders für die europäische Geschichte der letzten hundert Jahre und das Schicksal jüdischer Mitbürger/innen.
Der Linzer Universitätsprofessor Dr. Helmut Paul, 1929 in Wien geboren, Vorstandsmitglied des Forums St. Severin (ehemals: Katholischer Akademikerverband) und in der Linzer Pfarre Christkönig engagiert, hat eine jüdische Mutter. Pauls Großeltern ließen sich mit ihren drei Kindern 1917 evangelisch taufen. Damals war Pauls Mutter zehn Jahre alt. Elf Jahre später heiratete sie einen Katholiken und versprach, wie es notwendig war, die Kinder katholisch zu erziehen. 1929 kam Dr. Helmut Paul als einziges Kind seiner Eltern zur Welt.
Zu jüdischen Verwandten hatte man weiter guten Kontakt. Trotzdem klagte Pauls Mutter einmal über ihr neues Umfeld: „Was ich vermisste, war die Wärme des jüdischen Hauses.“ – „Damit meinte sie vor allem meine Urgroßmutter, die die Familie, die Kinder, den Haushalt und das Gasthaus schupfte“, erklärt Dr. Paul. Ihr Mann war sehr fromm und verbrachte die Zeit mehr mit dem Beten.
Hundert Wunder
Dann kam der Nationalsozialismus. Während nahe Verwandte verschleppt und umgebracht wurden, retteten die Familie über die Hitlerzeit „nicht ein Wunder, sondern hundert Wunder“, wie es Pauls Mutter ihrem Sohn gegenüber einmal ausdrückte. Etwa, dass ein Beamter einen Akt verschwinden hatte lassen, wie man sich in der Familie erzählte ... Sie fuhr mit dem Neunjährigen drei Tage nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich nach Oberitalien. Im Herbst kehrten sie nach Wien zurück und übersiedelten dann nach Berlin. Dort hatte der Vater eine kriegs-unabkömmliche Stellung.
Helmut Paul ging in Berlin zur Schule. Als der Lehrer fragte, ob ein Jude in der Klasse sei, zeigte er auf. Während andere spotteten, nahm ihn ein Mitschüler in Schutz: „Er kann ja nichts dafür!“ Auf Bombenerholung und auf Ernteeinsatz kam der junge Helmut Paul im Krieg öfters nach Österreich, an den Traunsee.
Nachwirkungen
Die Judenhetze der NS-Propaganda ging nicht spurlos am Jugendlichen vorbei, wie sehr er auch seine von außen eng gemachte Welt als gegeben annahm. Die Judenbeschimpfung prägte sich aber tief als schlimmes Erlebnis ins Unterbewusste ein. Erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter wandte sich Dr. Paul mehr seinen jüdischen Wurzeln zu und organisiert auch kirchliche Begegnungen mit dem Judentum.
Den „Tag des Judentums“ der christlichen Kirchen hält Dr. Paul für eine wichtige Sache. Papst Johannes XXIII., der die katholische Kirche aus der Haltung „Außerhalb der Kirche kein Heil“ herausführte und die Öffnung zum Judentum einleitete, schätzt er sehr. Dass Jesus ein frommer Jude war, müsste Christen bewusster werden. Der Satz einer Nachbarin, die er in der Linzer Synagoge beim Chanuka-Fest traf, beschreibt auch ihn. Sie erzählte, eine jüdische Mutter zu haben: „Ich bin katholisch, gehöre aber der jüdischen Schicksalsgemeinschaft an.“