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Gottvoll und erlebnisstark

Neue Religiosität als Herausforderung für die Kirchen – Interview mit Prof. Paul M. Zulehner
Ausgabe: 2002/02, Zulehner, Gottvoll, Kirche, Prof. Paul M. Zulehner, Wertehaushalt, EU, Pastoraltagung
08.01.2002
Paul Michael Zulehner

? Foto: Franz Josef Rupprecht GmbH, A-7123 M?nchhof, 
Raiffeisenkasse M?nchhof, Konto.-Nr.: 17.608
Paul Michael Zulehner ? Foto: Franz Josef Rupprecht GmbH, A-7123 M?nchhof, Raiffeisenkasse M?nchhof, Konto.-Nr.: 17.608
© Franz Josef Rupprecht
Der moderne Mensch fragt wieder nach Religion – aber nicht nach Kirche. Paul M. Zulehner sieht darin eine enorme Herausforderung, aber auch eine große Chance.

Günther Nenning sagt: „Die religiöse Sehnsucht boomt, aber die Kirchen schrumpfen.“ Wie sehen Sie die Lage als Sozialforscher und Theologe?

Zulehner: Wir werden in der nächsten Zeit, so zeigen die verschiedenen Studien, zwei große Herausforderungen haben: Spiritualität und Solidarität. Das Thema Solidarität wird in den Kirchen schon lange gesehen. Neu für die Kirchen ist, wie sie mit der neu erwachten religiösen Suche (Respiritualisierung), die sich vor allem in den modernen Großstädten zeigt, umgehen sollen. Es handelt sich dabei – dem Zeitgeist entsprechend – einerseits um eine hoch individualisierte Religiosität, die so etwas wie ein Spiegelbild der modernen Egokultur ist; gleichzeitig trägt diese moderne Spiritualität aber auch Züge des Widerstandes gegen die Individualisierung; d. h. es gibt spirituelle Menschen, die wieder die Gemeinschaft suchen, die Sicherheiten und Autoritäten wollen oder die Verwebung mit den kosmischen Weiten suchen. Es ist jedenfalls eine sehr pluralistische Spiritualität und keinesfalls bereits eine evangeliumsgemäße.

Schulbank in der Kirche


Welche Herausforderung bedeutet das für die Kirchen?

Zulehner: Die Kirchen brauchen nach langen Jahren der Verlagerung ihrer Tätigkeiten in die individuelle und soziale Moral selber wieder eine Respiritualisierung. Die Kirchen müssen ihr eigenes Innenleben danach befragen, ob sie, getragen von ihren reichen geistlichen Traditionen, auf dem neuen spirituellen Markt der erste und beste Anbieter sein werden. Mein Eindruck ist, dass wir hier zurzeit ziemlich inkompetent sind. Wenn sich heute zum Beispiel jemand an einem Sonntag in die Kirchenbank setzt, dann findet er sich häufig in einer Schulbank wieder, weil wir das kirchliche Leben großteils aufklärerisch pädagogisiert haben.
Von da her ergeben sich einige Forderungen an die Kirchen: Wenn wir die religiöse Suche der Menschen ernst nehmen, dann müssen wir ihnen spirituelle Orte, spirituelle Vorgänge und Rituale und spirituell kompetente Personen zur Verfügung halten.

Wie kann dieses Anliegen in die Praxis umgesetzt werden?

Zulehner: Da gibt es kein einfaches Rezept, sondern wir müssen in vielen Bereichen ansetzen: etwa bei der Aus- und Weiterbildung der haupt- und ehrenamtlich in der Pastoral Mitarbeitenden; bei der Entwicklung einer neuen Kultur der Rituale oder im genaueren Hinhören der Theologie auf die Befindlichkeit des modernen Menschen. Ich denke, dass auch Wallfahrtsorte und geistliche Zentren neu an Bedeutung gewinnen.

Hamlet erleben


Ganz wichtig scheint mir ein Qualitätsmanagement für unsere Gottesdienste zu sein, weil ich immer mehr Menschen treffe, die Gott suchen, am Sonntag aber oft nur moralisierendes Gottesgeschwätz antreffen; Leute, die eine geistliche Erfahrung aus erster Hand suchen, die aber nur hören, wie man eine solche Erfahrung machen könnte, ohne sie selber zu erfahren. Vielen Leuten, die heute einen Gottesdienst feiern, geht es wie den Besuchern des Burgtheaters: Dort sollte Shakespeares „Hamlet“ gespielt werden, aber statt dass der Hamlet stattfindet, kommt dauernd der Regisseur auf die Bühne und erklärt den Hamlet.

Bleiben wir bei den Gottesdiensten: was soll sich da verändern?

Zulehner: Ein konkretes Beispiel: Wir machen jetzt von unserer Fakultät ein Gottesdienstqualitäts-Seminar für den Raum der Stadt Wien. Es geht darum, zu erkunden, wie schauen die Gottesdienste aus und wie könnten sie so gestaltet werden, dass sie einerseits etwas zu tun haben mit der spirituellen Suche moderner Städter und andererseits die Qualität einer christlich verstandenen Eucharistiefeier besitzen. Da versuchen wir, Kriterien zu entwickeln, wie so ein Gottesdienst aussehen könnte: Etwa dass es am Beginn so etwas wie ein Ritual der Unterbrechung gibt, damit der Mensch auch mit seiner Seele ankommen kann; dass das Wort zurückgenommen wird und den Erfahrungen mehr Raum gegeben wird; dass die Menschen nicht dauernd belehrt werden, sondern dass sie eintreten können in einen Raum, der gottvoll und erlebnisstark ist. Die Suchenden, aber auch die vielen anderen Kirchgänger verdienen ein spirituelles Ereignis, das diesen Namen zu Recht trägt. Dazu gehört auch, dass die Menschen, die in einen Raum eintreten, der gottvoll ist, gewandelt werden und hinausgehen zu liebender Solidarität. Das sind keine Wellness-Gottesdienste, sondern Vorgänge einer brandgefährlichen Spiritualität. Menschen, die dort hingehen, begeben sich in Gefahr, sich wandeln zu lassen, also in „Gottesgefahr“.

Kein Nest für Ichlinge


Die moderne Religiosität ist von einem Religionenmix geprägt. Hat da christlicher Glaube überhaupt noch eine Chance?

Zulehner: Ich sehe durchaus gute Chancen, wenn es gelingt, eine Respiritualisierung der Kirchen mit einer neuen biblischen Qualität zu entwickeln. Darunter verstehe ich, dass es sich nicht um eine von den modernen kulturellen Strömungen geformte Spiritualität handelt, die eine Spiritualität der „Ichlinge“ wäre, eine Spiritualität, wo der Mensch die Welt des Ichs nicht verlässt, sondern sich seinen Rückzug auf das Ich noch auspolstert. Markenzeichen biblisch-kirchlicher Spiritualität wäre, dass man, weil man geistlich-existentiell in Gottes Geheimnis eintaucht, unweigerlich neben dem Armen auftaucht. Die Gottesnähe wird zur Menschennähe, das Abend mahl zur Fußwaschung, die Gottesliebe verdichtet sich in der Nächstenliebe. Das wäre das Charakteristische an einer neu spiritualisierten Kirche, dass sie nicht nur geistlich, sondern zugleich auch diakonal stark wirkt. Man muss auch umgekehrt sagen: wo wir den Menschen immer mehr nur Nächstenliebe abverlangen, ohne dieser Nächstenliebe ein Fundament in der Gottesliebe zu geben, brennt der Mensch aus und schafft aus Sorge und Angst um sich selber kaum noch selbstlose, solidarische Liebe.

Als zweite Herausforderung nannten Sie die Solidarität. Wo brennt der Hut?

Zulehner: Wir stehen heute vor einer Wegkreuzung: Schaffen wir den Schritt zu einer solidarischen Gesellschaft oder geben wir dem Druck nach, immer mehr Menschen oder ganze Regionen als überflüssig abzuschreiben bzw. zu entsorgen: Behinderte, Kranke, Kinder, Alte oder weite Gebiete Afrikas. Als Kirche dürfen wir uns nicht abdrängen lassen, wenn es darum geht, Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit einzufordern und zu leben. Denn eines ist – gerade nach dem 11. September – klar: Nicht durch Waffen werden Friede und Lebenschancen geschaffen, sondern durch Gerechtigkeit und Solidarität. Das kostet allerdings mehr als ein Krieg. Die Kirche hat in diesem Bereich auch eine hohe Kompetenz, wenn ich etwa an die Caritas denke. Was wir aber stärker brauchen, ist die Verbindung von Caritas und Spiritualität.

Interview: Hans Baumgartner


ZUR SACHE


Pastoraltagung


Vom 10. bis 12. Jänner findet in Salzburg die traditionsreiche Österreichische Pastoraltagung statt. Ihr Thema: Wie religiös ist die Welt? Religionssoziologische Entwicklungen als Herausforderung an die Pastoral. Es referieren Michael Hochschild, Frankfurt, Rainer Bucher, Graz, Halga Kohler-Spiegel, Feldkirch, und Dolores Bauer, Wien.


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