Ausgabe: 2002/03, Friede, Kumpfmüller, Pühringer, Pax Christi, EU, Europa, USA
16.01.2002
- Ernst Gansinger
Europa muss sich von den USA emanzipieren, Österreich seine Neutralität pflegen und der Friede auf Gerechtigkeit aufbauen. Das empfiehlt der Grazer Friedensforscher Dr. Karl Kumpfmüller.
Die USA dulden keinen Widerspruch. Ihre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschärfte Politik nach dem Motto „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ teilt die Welt in Gut und Böse. Und die Europäer, allen voran die Engländer, haben ohne Wenn und Aber den Amerikanern Gefolgschaft geschworen.Kumpfmüller, der am 11. Jänner 2002 auf Einladung von Pax Christi, der Friedenswerkstatt Linz, der Linzer Friedensinitiative und der Kirchenzeitung im Neuen Rathaus in Linz referierte, kritisiert diese Entwicklungen scharf. Damit werde die Unterdrückung alles Islamischen gerechtfertigt. Weltweit steigt die Stimmung gegen den Islam.
Falscher Ansatz
Der Krieg gegen den Terror, wie ihn derzeit die USA führen, kommt aus einem falschen Friedensansatz, sagt Kumpfmüller. Statt vom lateinischen Friedensbegriff „Concordia“ läßt sich die Politik vom viel mehr in unsere Sprache eingegangenen Begriff „Pax“ leiten. Pax meint paktierten Frieden, gesichert durch eine starke militärische Macht. Concordia meint die Eintracht, den Zusammenklang der Herzen. – „Utopisten!, Realitätsverweigerer!, Gutmenschen!“ werden deren Verfechter geschimpft. Kumpfmüller bricht eine Lanze für die Gutmenschen. Weil in ihrer Utopie die einzige Chance auf dauerhaften Frieden liege. Concordia würde nach Gerechtigkeit streben, Gegensätze durch Dialog und nicht mit der Keule austragen. Concordia ist demokratisch und rechtsstaatlich.
Zweierlei Terror
Wir reden viel vom Terror von Individuen gegen einen Staat. Wir müssten mehr über den Terror von Staaten gegen Individuen reden, vom Terror der Strukturen, sagt Kumpfmüller. Denn der strukturelle Terror ist für Millionen Opfer weltweit verantwortlich: Not, Hunger, Verfolgung und gewaltsamer Tod.
Es sei ein Kampf des Guten gegen das Böse. So wird der Krieg gegen den Terror begründet. Warum setzt man die Macht des Guten nicht ein gegen den Terror der Strukturen, fragt Kumpfmüller. Zahlen zum Nachdenken: Täglich werden weltweit zwei Milliarden US-Dollar für Rüstung ausgegeben. Über die Hälfte davon von den USA. Nach den Terroranschlägen gab es einen zusätzlichen 200 Milliarden Dollar-Rüstungsauftrag.
Kumpfmüllers Friedens-Aussicht: Europa müsse sich von der amerikanischen Bevormundung lösen und Österreich die Neutralität pflegen. Das wäre eine friedens- und sicherheitspolitische Hoffnung.