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Notwehr oder Hetze

Pro und Kontra: Stimmen zum „Veto“-Volksbegehren gegen Temelin
Ausgabe: 2002/03, Notwehr, Hetze, Temelin, Molterer, Hauft, Achatz, FPÖ, Pax Christi, Arnold, Neumüller, Freistadt
16.01.2002
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Bis Montag, 21. Jänner 2002 läuft die Eintragungsfrist für das Anti-Temelin-Volksbegehren. Die einen sehen darin einen Akt der Notwehr, andere befürchten, dass Feindbilder geschürt werden. Die Katholische Aktion hat mit ihrer Informationskampagne „Christsein ist grenzenlos“ gegen das Volksbegehren Stellung bezogen und heftige Debatten ausgelöst.

Foto: Franz M. Glaser



Bundesminister Mag. Wilhelm Molterer exklusiv zur KIZ:


Als Christ bin ich froh, dass sich die Katholische Aktion zu diesem wichtigen Thema eindeutig äußert. Denn klar ist: Das Volksbegehren der FPÖ richtet sich in Wahrheit nicht gegen Temelin, sondern gegen den Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union. Unseren tschechischen Nachbarn soll verwehrt werden, mit uns am Tisch des Wohlstands und der Sicherheit zu sitzen. Temelin wird durch ein Veto um nichts sicherer.


Generaldirektor Dr. Karl Büche, Präsident der Oö. Industriellenvereinigung:


Die Industriellenvereinigung (IV)begrüßt die Informationsoffensive der Katholischen Aktion für die EU-Erweiterung. Die IV ist seit jeher ein Befürworter einer EU-Erweiterung, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch als friedenssicherndes Instrument in Europa. Mit der Forderung der FPÖ, den EU-Beitritt Tschechiens mit einem Veto Österreichs zu verhindern, falls das grenznahe AKW nicht stillgelegt würde, werden zwei nicht zusammengehörige Themen vermischt.


Pax Christi Österreich:


Christen sollten tun, was gute Nachbarn zu tun pflegen. Wir sollten uns besuchen, gemeinsame Probleme diskutieren und in aller Freundschaft auch die kontroversen Dinge wie Temelin ansprechen. Vielleicht wächst daraus in Tschechien eine innenpolitische Ablehnung der Atomenergie, wie dies in Österreich zu Zeiten Zwentendorfs möglich war.

Ohne Ablehnung der Atomkraft durch die Tschechen werden wir eine Abschaltung nicht erzwingen können.


Mag. Josef Neumüller vom Aktionskomitee „Stop Temelin“ aus Freistadt:


Wir sind über die Katholische Aktion bestürzt, weil sie kaum je etwas gegen Temelin tat, aber nun eine der letzten Notwehrmaßnahmen diskreditiert. Hätte sie je 150.000 Flugblätter gegen diese Bedrohung verteilt, wäre die Vetodrohung wohl weniger nötig.


„Anti-Temelin“-Volksbegehren Initiator Dr. Hans Achatz:


Es gibt gute Gründe – auch für Christen – das Temelin-Volksbegehren zu unterschreiben. Das Christentum und die katholische Religion haben die Bewahrung der Schöpfung und den Schutz des Lebens in ihren Glaubensgrundsätzen verankert. Diesen widerspricht die Nutzung der extrem gefährlichen Atomenergie. Temelin hat durch zahlreiche Pannen bewiesen, dass diese Technologie nicht beherrschbar ist.


Josef Arnold, Obmann der Katholischen Männerbewegung in Friedburg und FPÖ-Gemeinderat (Zur Zeit karenziert):


Ich werde das Volksbegehren gegen das AKW Temelin unterschreiben. Ich halte den Vorstoß der KA für nicht klug. Sie mischt sich zu sehr in politische Dinge ein, die jeder für sich selbst entscheiden soll. Am schönsten wäre beides: das Aus für Temelin und die Aufnahme Tschechiens in die EU. In der jetzigen Situation muss man aber Schwerpunkte setzen. Und da ist mir der Einsatz gegen Temelin wichtiger als ein Engagement für einen EU-Beitritt Tschechiens. Ich habe aber kein Problem, dass die KA hier anders agiert. Auch in der Frage der Homosexualität bin ich anderer Meinung als die KA. Dennoch: Ich fühle mich in beiden Gruppierungen wohl: in der FPÖ und in der KA.
Das Volksbegehren wird ein Erfolg, der Aufruf der KA nicht. Davon bin ich fest überzeugt.


Kein "Schwarz-Peter"-Spiel


Fällt nun die Katholische Aktion (KA) den Anti-Temelin-Aktivisten in den Rücken? – KA-Präsidentin Margit Hauft erklärt die Ziele der Kampagne „Christsein ist grenzenlos“. Die Vetodrohung gegen den EU-Beitritt Tschechiens mit der Anti-Temelin-Aktivitäten zu verknüpfen, wie es das laufende Volksbegehren tut, hält die KA für einen Irrweg.

KIZ: Vielen Christ/innen im Mühlviertel fällt es nicht leicht, die Kampagne der KA zu verstehen ...

Hauft:
Wir geben nicht vor, eine einfache Lösung für Temelin zu haben. Denn es ist keine Lösung zu behaupten: Wenn Tschechien nicht EU-Mitglied wird, passiert nichts in Temelin. Ich möchte den Frauen und Männern in den Grenzpfarren sagen: Wir dürfen den schwarzen Peter nicht über die Grenze schieben und warten, was dann geschieht.

KIZ: Rufen Sie auf, das Volksbegehren nicht zu unterschreiben?

Hauft:
Ich möchte nicht sagen: „Geht nicht zum Volksbegehren“, sondern ich möchte zu bedenken geben, dass das Volksbegehren Türen zu-schlägt. Druck erzeugt lediglich Gegendruck. Und das hat noch nie zu etwas Gutem geführt. Wir müssen die beiden großen Ziele auseinander halten: das vereinte Europa und die Verhinderung Temelins.


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