Papst Johannes Paul II. betete mit mehr als 200 Religionsführern
Ausgabe: 2002/05, Assisi, Papst, Religionsführer, Papst Johannes Paul II., Friedensgipfel, Religion, Gewalt, Krieg, Echo, Freunde
29.01.2002
- Walter Achleitner
Mit mehr als 200 Religionsführern betete Papst Johannes Paul II. am 24. Jänner 2002 in der mittelitalienischen Stadt Assisi. Vertreter/innen aus zwölf Weltreligionen sind gekommen, um ein gemeinsames Bekenntnis zum Frieden abzulegen. Im Bild: Das Friedensgebet der Religionen auf dem überdachten Vorplatz der Franziskus-Basilika. Auch in Vöcklabruck gab es ein Friedensgebet.
Klein-Assisi in Vöcklabruck
Vom Kreis der Diakone im Raum Vöcklabruck initiiert, beteten Vetreter/innen der christlichen Religionsgemeinschaften und Muslime gemeinsam im Geistlichen Zentrum der Franziskanerinnen Vöcklabruck um den Frieden in der Welt. Das Gebet fand am 24. Jänner statt, an demselben Tag, an dem 200 religiöse Führer auf Einladung Papst Johannes Paul II. in Assisi zusammengekommen waren. Das Treffen in Vöcklabruck griff – wie vom Vatikan empfohlen – die Anliegen von Assisi auf. Im Mittelpunkt der Zusammenkunft stand Gottes Verheißung an Abraham „Du sollst ein Segen sein“. Diese Verheißung der Heiligen Schrift ist auch im Koran überliefert und gilt den Muslimen als Glaubensgut.
Tag der Friedenspilger
Religionsführer eins mit dem Papst: „Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg!“
Gott um das Geschenk des Friedens zu bitten war das Ziel des Friedensgipfels in Assisi. Über 200 Spitzenvertreter von Weltreligionen haben dabei ihr Verlangen nach einer gerechteren Welt bekundet.
Platz 071 im Intercity 25663/2 war für Johannes Paul reserviert. Im Sonderzug reiste der Papst mit mehr als 200 Religionsführern am 24. Jänner nach Assisi. So ungewöhnlich diese Anreise war: Der Tag in die Stadt des außergewöhnlichen Propheten des Friedens bildet einen Höhepunkt im Pontifikat Karol Wojtylas. Spitzenvertreter von zwölf Weltreligionen und 31 christlichen Kirchen hatten seine Einladung zum Friedensgipfel angenommen. Nach dem 11. September – und angesichts der Gefahr der Vereinnahmung von Glauben und Religion für Gewalt und Konflikt – wollten sie gemeinsam ein Bekenntnis zum Frieden ablegen. Und sie wollten darum beten, dass Religion niemals Anlass für Hass, Terror und Gewalt sein darf.Die Teilnehmer waren noch prominenter als 1986, dem ersten und legendären Friedenstreffen der Weltreligionen in Assisi. Vor allem Juden und Muslime waren mit großen Delegationen und namhaften Rabbinern und Muftis vertreten. Eindrucksvoll aber war auch die Liste der Delegierten christlicher Kirchen.
Radikale Absage
Der Vorplatz der Basilika war überdacht und bot Schutz vor Regen und Kälte. Doch die Konstruktion aus Metall und Plastik erinnerte daran, dass der Friede zwischen den Religionen keine einfache Sache ist. Die Würdenträger saßen in ihren bunten Gewändern vor einem schmucklosen bordeauxroten Hintergrund. Einzig ein großer Olivenbaum und Blumen durften den Raum schmücken.Erstaunlich war, mit welcher Selbstverständlichkeit Johannes Paul als Sprecher der einenden Friedenssehnsucht akzeptiert wurde. Wie selbstverständlich war es, dass er die längste – und von allen heftig beklatschte – der fast ein Dutzend Ansprachen hielt. Er übte darin sogar versteckte Kritik an manchen Predigern anderer Religionen: Von allen Glaubensrichtungen forderte er eine „eindeutige und radikale Absage an jegliche Form der Gewalt“.Aus Respekt voreinander, und um jeden Eindruck des Synkretismus zu vermeiden, wurde in getrennten Räumen des Franziskanerklosters gebetet. Die Vertreter der 31 christlichen Kirchen jedoch waren im Gebet vereint. So wurde „Assisi 2002“ auch zum einzigartigen Zeugnis der Ökumene in der Gebetswoche um die Einheit der Christen.
Bei der abschließenden Kundgebung erhielt jeder Repräsentant von einem Franziskaner ein Friedenslicht, bevor die gemeinsame Friedensbotschaft verlesen wurde. Ausdrücklich verurteilt wird darin jeder Rückgriff auf Krieg und Gewalt im Namen Gottes oder der Religion.„Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus!“, rief der Papst in seinem Schlusswort. Jede Religion müsse „im Namen Gottes Gerechtigkeit und Frieden, Vergebung, Leben und Liebe“ auf der Erde verbreiten. Bewegend war, als die Vertreter aller Religionen mit dem Papst und untereinander den Friedensgruß tauschten.
Werden die Gesten tatsächlich den Frieden beeinflussen? Der Papst zeigte sich überzeugt, dass „Assisi noch einmal Ursprung erneuerter Hoffnung geworden ist“. Und dass von der umbrischen Stadt abermals eine breite Friedensbewegung ausgehen werde. Besondere Erwartungen richtete er nicht nur an die geistlichen „Profis“ des interreligiösen Dialogs. Johannes Paul bat vor allem die Jugend aller Religionen: seid wie Franz von Assisi „mutige Wächter des wahren Friedens, der auf Gerechtigkeit gegründet ist“.
Auf Echo hoffen
Das Erlebnis von Assisi werde „noch lange in unseren Herzen bleiben, und es findet hoffentlich ein tiefes Echo unter den Völkern der Welt“, sagte Johannes Paul am Tag nach dem Friedensgipfel. Er hatte die rund 50 Delegationen noch einmal zum Mittagessen in den Vatikan geladen. Dabei dankte er den Delegierten für ihren Mut, vor der Welt zu erklären, dass Gewalt und Religion nie miteinander vereinbar seien.In seiner Tischrede betonte der Papst: „Bei aller Verschiedenheit sind wir, die wir um diesen Tisch versammelt sind, im Engagement für die Sache des Friedens vereint.“ Und er versicherte den Vertretern der Weltreligionen und christlichen Kirchen: „Ihr sitzt an diesem Tisch nicht als Fremde, sondern als Freunde.“