- Josef Hinterberger (Religionslehrer im Kinderspital Salzburg)
Schwerkranke Kinder sind für Geschichten und Erzählungen aus der Bibel besonders ansprechbar.
Kinder sind sich auf der vorbewussten Ebene fast immer im Klaren über die Bedrohlichkeit einer Krankheit. Und sie senden Signale aus: Konzentrationsschwierigkeiten, depressives Verhalten, Desinteresse, viel Schlaf – ein Zeichen von großer Lebensverunsicherung. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Religionslehrer im Kinderspital habe ich bemerkt, dass kranke Kinder auf Geschichten und Erzählungen aus der Bibel besonders ansprechen.
Es sind dies Geschichten wie die Heilung des blinden Bartimäus; des Gelähmten, der durch die Dachluke zu Jesus hinuntergelassen wird; die Geschichte vom Sterben und der Aufweckung der Tochter des Jairus; von den Emmausjüngern, vom verlorenen Sohn ...
Ich habe den Eindruck, dass Kinder ihre Gefühle an Symbolfiguren besser benennen können. Sie lernen an ihnen, mit ihren Gefühlen umzugehen. - Ich lade die Kinder ein, die Not und Bedrohung zum Ausdruck zu bringen, lasse sie phantasieren und erzählen, wie es den Menschen geht. - Wenn die Kinder zum Zeichnen fähig sind, lade ich sie ein, irgendetwas aus der Geschichte, das ihnen am meisten gefallen hat, zu zeichnen. Sie zeichnen, wovon sie sich angesprochen fühlen.
Ein Mädchen, neun Jahre alt, wurde nacheinander an ihren beiden Hüften operiert. Es war fast drei Monate hier im Krankenhaus. Wenn ich es fragte, wie es ihr geht, antwortete es mit „gut“, sehr leise, kaum hörbar. Ich erzählte dem Mädchen die Geschichte vom verlorenen Sohn. Dann zeichnete es die Szene aus der Geschichte, die es am meisten angesprochen hat: sich selbst, im Krankenhaus – eingesperrt, allein, getrennt von Vater und Mutter. „Was tut denn jetzt Vater? Was tut Mutter?“ fragte das Kind auf dem Bild.
Es gibt Heilung
Ich gehe mit Kindern noch einen Schritt und versuche, sie zu aktivieren: Welche Möglichkeit hat z. B. das Mädchen, auf sich und seine Einsamkeit im „Gefängnis“ aufmerksam zu machen? Die Geschichten gaukeln keine heile Welt vor, sondern sie sagen: Es gibt Krankheit, Not, Elend und Widerwärtigkeiten. Sie sagen auch: Es gibt Heilung, Heil, selbst wenn es ein langer und beschwerlicher Weg zu diesem Heil ist. Die Kinder erfahren, dass sie mit ihrer Not gehört werden und auf sie eingegangen wird. Dies ermöglicht es ihnen, nach der Krise wieder vertrauensvoll weiterzuleben.
Zum Thema:
Eine Vorahnung vom Tod
Wolfgang S., einem an Leukämie erkrankten Schüler, ging es nach der Chemotherapie schlecht. Er sagte zu mir: Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte: Ein Bäckergeselle war in Kairo unterwegs, um Brot zu verkaufen. Als er in eine Seitengasse einbog, saß der Tod mitten in der Gasse. Der Bäckergeselle erschrak so sehr, dass er seinen Brotkorb fallen ließ, zu seinem Meister rannte, ihm die Begegnung mit dem Tod erzählte und in eine andere Stadt weiterlief. Der Bäckermeister ging in besagte Gasse, um den Brotkorb zu holen. Als er dorthin kam, saß der Tod noch immer da. Der Bäckermeister schalt ihn: „Warum sitzt du hier. Du hast meinen Gesellen so sehr erschreckt, dass er den Brotkorb hat fallen lassen, zu mir nach Hause und dann in eine andere Stadt lief.“Der Tod sagte: „Eigenartig, ich habe mir vorgenommen, ihn in dieser Stadt heute Abend abzuholen.“
Nach dieser Geschichte ist es mir kalt über den Rücken gelaufen. Mir war bewusst, dass Wolfgang eine Ahnung vom Ausgang der Krankheit hatte. Einige Wochen später war er tot.