Wortlaut der Grundsatzrede Papst Johannes Pauls II. beim Friedenstreffen der Weltreligionen in Assisi
Ausgabe: 2002/06, Grundsatzrede, Papst Paul II., Assisi, Weltreligionen, Ökumene
05.02.2002
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Friedensgipfel in Assisi am 24. Januar 2002
Gemeinsam mit mehr als 200 Religionsf?hrern betet Papst Johannes Paul II. am 24. Januar 2002 in der mittelitalienischen Stadt. Vertreter von zw?lf Weltreligionen sind gekommen, um ein gemeinsames Bekenntn
Assisi, 24.1.02 (KAP) Papst Johannes Paul II. hat am Donnerstag in Assisi eine Grundsatzrede zum Einsatz der Religionen für den Frieden gehalten. „Kathpress“ veröffentlicht – in leicht gekürzter Form – eine deutschsprachige Übersetzung:
Wir sind als Friedens-Pilger nach Assisi gekommen. Wir sind als Vertreter von verschiedenen Religionen hier, um uns vor Gott über unsere Verpflichtung für den Frieden zu fragen, um ihn um das Geschenk des Friedens zu bitten, um unser gemeinsames Verlangen nach einer gerechteren und solidarischeren Welt zu bekunden.
Wir müssen unseren Beitrag leisten, um die Wolken von Terrorismus, Hass, bewaffneten Konflikten zu zerstreuen, die in den letzten Monaten den Horizont der Menschheit verdunkelt haben. Dazu wollen wir aufeinander hören. Schon dies allein ist - so fühlen wir - ein Zeichen des Friedens. Schon darin liegt eine Antwort auf die beunruhigenden Fragen, die uns beunruhigen. Schon dies dient dazu, die Nebel von Verdacht und Unverständnis zu zerstreuen. Das Dunkel lässt sich nicht durch Waffen erleuchten. Das Dunkel entfernt sich nur, indem man Licht macht. Vor einigen Tagen habe ich vor dem Diplomatischen Corps im Vatikan gesagt, dass man den Hass nur durch Liebe überwinden kann.
2. Wir treffen uns in Assisi, wo alles von einem außergewöhnlichen Propheten des Friedens spricht, von Franziskus. Er wird nicht nur von Christen geliebt, sondern von vielen anderen Gläubigen, ja auch von Menschen, die fern aller Religion sich in den Idealen der Gerechtigkeit, der Versöhnung, des Friedens wiederfinden, die seine Ideale waren...
Gott selbst hat ins Herz des Menschen ein instinktives Streben nach Frieden und Harmonie gelegt. Es ist tiefer und ausdauernder als der Instinkt der Gewalt, es ist ein Verlangen, das wir alle hier in Assisi neu aufleben lassen wollen. Wir tun dies im Wissen darum, dass wir damit das tiefste Verlangen jedes menschlichen Wesens interpretieren.
Die Geschichte hat gezeigt und zeigt weiterhin, dass es Männer und Frauen gibt, die sich gerade als glaubende Menschen, als Zeugen des Friedens ausgezeichnet haben. Mit ihrem Zeugnis lehren sie uns, dass es möglich ist, zwischen Einzelnen und Völkern Brücken der Begegnung zu bauen und gemeinsam auf den Wegen des Friedens zu gehen. Wir wollen auf sie schauen, um für unseren Dienst an der Menschheit eine Inspiration zu finden. Sie ermutigen uns, darauf zu hoffen, dass es auch im soeben begonnenen neuen Jahrtausend nicht an Männern und Frauen des Friedens fehlt, die in der Lage sind, in der Welt das Licht der Liebe und der Hoffnung zu einzuwurzeln.
3. Der Friede! Die Menschheit braucht immer den Frieden, aber sie braucht ihn heute mehr denn je, nachdem die tragischen Ereignisse das Vertrauen der Menschheit erschüttert haben, und angesichts der andauernden Konfliktherde, die die Welt in Spannung halten. In der Botschaft des vergangenen 1. Jänner (Weltfriedenstag) habe ich den Akzent auf zwei Pfeiler gelegt, auf denen der Friede ruht: Das Engagement für Gerechtigkeit und die Bereitschaft zur Versöhnung.An erster Stelle Gerechtigkeit; denn es kann keinen echten Frieden geben ohne Respekt vor der Würde der Personen und der Völker, vor den Rechten und Pflichten eines jeden und ohne eine gerechte Verteilung der Güter und Lasten unter den Einzelnen und den Gemeinschaften. Man darf nicht vergessen, dass Situationen der Unterdrückung und Ausgrenzung oft am Anfang von Äußerungen der Gewalt und des Terrorismus stehen. Dann aber auch Versöhnung: Denn die menschliche Gerechtigkeit ist immer bedroht von menschlicher Schwäche und von persönlichen und Gruppen-Egoismen. Nur Vergebung heilt Sünde in den Herzen und gestörte menschliche Beziehungen in ihrer Tiefe wieder.
Nötig sind Demut und Mut, um sich auf diesen Weg zu begeben. Der Kontext des heutigen Treffens, nämlich des Dialogs mit Gott, gibt uns die Möglichkeit, erneut zu betonen, dass wir in Gott die Einheit von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit finden. Er ist in höchster Weise sich selbst und dem Menschen treu, auch dann, wenn der Mensch sich von ihm entfernt. Daher stehen die Religionen im Dienst des Friedens. Ihnen und besonders ihren Führern obliegt die Aufgabe, unter den Menschen unserer Zeit ein neues Bewusstsein von der Notwendigkeit zu verbreiten, Frieden zu schaffen.
4. Das haben auch die Teilnehmer an der Interreligiösen Versammlung anerkannt, die im Oktober 1999 im Vatikan stattfand. Sie haben betont, dass die religiösen Traditionen die notwendigen Ressourcen besitzen, um die Spaltungen zu überwinden und gegenseitige Freundschaft und Respekt unter den Völkern zu fördern. Bei dieser Gelegenheit wurde auch anerkannt, dass tragische Konflikte oft von der ungerechten Verquickung von Religion mit nationalistischen, politischen, wirtschaftlichen oder anderen Interessen herrühren. Noch einmal bekräftigen wir hier gemeinsam: Wer Religion benutzt, um Gewalt zu rechtfertigen, widerspricht ihrer eigentlichen Grundlage.
Daher ist es notwendig, dass religiöse Personen und Gemeinschaften entschieden und radikal die Gewalt zurückweisen, und zwar jede Gewalt, angefangen von der, die sich religiös verbrämt - indem sie sich sogar auf den allerheiligsten Namen Gottes beruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist - definitiv - eine Beleidigung Gottes. Es gibt keinerlei religiöse Zielsetzung, die Gewalt des Menschen gegen den Menschen rechtfertigt.
6. Wenn der Friede ein Geschenk Gottes ist und in Ihm seine Quelle hat, wo können wir den Frieden dann suchen und wie können wir ihn aufbauen, wenn nicht in engstem und tiefstem Kontakt mit Ihm? Der Aufbau des Friedens in Ordnung, Gerechtigkeit und Freiheit verlangt aber vor allem das Gebet. Das Gebet bedeutet Öffnung, Hören, Dialog und schließlich Einheit mit Gott, der ursprünglichen Quelle des wahren Friedens.
Beten bedeutet nicht, der Geschichte und ihren Problemen auszuweichen. Im Gegenteil bedeutet es, die Wirklichkeit nicht alleine, sondern mit der Kraft anzugehen, die von oben kommt, mit der Kraft der Wahrheit und der Liebe, deren letzte Quelle Gott selbst ist. Der religiöse Mensch weiß, dass er angesichts der Hinterhalte des Bösen auf Gott zählen kann, der der absolute Wille zum Guten ist. Er weiß, dass er Ihn um den Mut bitten kann, den Schwierigkeiten entgegenzutreten, auch den allergrößten - mit persönlicher Verantwortung, ohne Fatalismus und impulsiven Reaktionen nachzugeben...
Es ist an der Zeit, entschieden die Versuchung zu Feindseligkeiten zu überwinden, die im Laufe auch der Religionsgeschichte nicht gefehlt haben. Wenn diese Feindseligkeiten sich auf die Religionen berufen, zeigen sie einen höchst unreifes Gesicht. Das echt religiöse Gefühl führt tatsächlich zu einer besonderen Weise, das Geheimnis Gottes aufzuspüren, der die Quelle alles Guten ist. Das stellt eine Quelle des Respekts und der Harmonie unter den Völkern dar. Im religiösen Gefühl liegt der grundlegende Pol gegen alle Gewalt und gegen Konflikte. Assisi wird heute, wie am 27. Oktober 1986, erneut zum Herzen einer unermesslichen Menge von Menschen, die nach Frieden rufen. Mit uns verbinden sich so viele Menschen, die seit gestern und bis heute Abend, an Gebetsstätten, zuhause in den Gemeinschaften, auf der ganzen Welt für den Frieden beten. .. Der Friede möge vor allem in den Seelen der zukünftigen Generationen wohnen. Jugend des dritten Jahrtausends, christliche Jugend, Jugend aller Religionen, ich bitte euch, seid wie Franz von Assisi lernbereite und mutige Wächter des wahren Friedens, der auf Gerechtigkeit und Vergebung gegründet ist, in Wahrheit und Erbarmen. Geht auf die Zukunft zu und haltet die Fackel des Friedens hoch. Die Welt braucht sein Licht.