„Spiritualität“ steht hoch im Kurs, ist aber längst nicht mehr alleinige Domäne der Kirche. Mag. Susanne Gross vom Referat Spiritualität über den religiösen Hunger der Menschen und die Angebote der Kirche.
KIZ: Seit einigen Jahren zeigen alle Umfragen, dass die Menschen religiöser werden. Machen Sie im Referat Spiritualität auch diese Beobachtung? Gross: Ja, die Anfragen im Büro nehmen stetig zu. Erst kürzlich hat ein Mann angerufen. Er wollte sich dem Glauben wieder nähern, sagte er, und bat mich, ob ich ihm einen Gesprächspartner vermitteln könnte – aber einen, der ihn nicht zum Beichten und Kirchengehen zwingt. Er meinte: Ich möchte selbst wieder hineinfinden. Dieser Anruf ist typisch.
KIZ: Wie haben Sie diesem Mann weitergeholfen? Gross: Ich habe ihm die Namen von Geistlichen Begleiter /innen gegeben. Der nächste Schritt liegt nun wieder bei ihm. Generell kann man sagen, dass die meisten Anrufer Orte suchen, wohin sie sich zurückziehen können, und Menschen für das Gespräch.
KIZ: In der Öffentlichkeit steht das Referat Spiritualität im Wettbewerb mit der Esoterik-Welle ... Gross: Ich möchte die verschiedenen esoterischen Praktiken nicht pauschal ablehnen. Aber ich sage deutlich: Bei einem geistlichen Prozess geht nicht alles sanft ab, mit wohligen Klängen und Düften. Wer für sein Leben Heilung will, muss bereit sein, sich den Wunden des Lebens zu stellen. Hier gilt ganz besonders das Bibelwort: Nur die Wahrheit wird euch frei machen.
KIZ: Was möchten Sie mit Ihren Angeboten an Tagen der Stille und Exerzitien erreichen? Gross: Die Schriftstellerin Hilde Domin sagt: „Der Wunsch nach dem Land diesseits der Tränengrenze taugt nicht.“ Wir möchten die Menschen in das Land jenseits der Tränengrenze begleiten.
KIZ: Wo liegt das? Gross: Im Inneren jedes Menschen, dort wo die Lebensverwundungen sind, dort wo sich das Gefühl festgesetzt hat, nichts wert und zu wenig geliebt zu sein. Mit unseren Angeboten schaffen wir einen Rahmen, wo Menschen sich mit ihren Schwierigkeiten auseinander setzen und in einem geistlichen Prozess Lösungswege finden können: Dazu gehört die Erfahrung der Versöhnung und das Vertrauen in die Liebe Gottes. Die Zeiten der Stille wollen helfen, dass Menschen eine bewusste Entscheidung für ihren Glauben treffen und ihr Leben nach Christus ausrichten.
KIZ: Wie kann die Kirche als Institution religiös Suchende unterstützen? Gross: Die Kirche hat im Bereich der Spiritualität einen großen Schatz. Von diesem Schatz muss sie selbstbewusst reden. Themen der Kirchenstruktur dürfen die vielfältigen Möglichkeiten, in der Kirche geistlich zu wachsen, nicht überdecken.
Zur Sache
Referat Spiritualität
Als Zentralstelle für Exerzitien gegründet feierte das Referat Spiritualität der Diözese Linz am 18. Februar 2002 mit einem Festakt sein 75-jähriges Bestehen. Das Referat koordiniert die vielfältigen geistlichen Angebote in der Diözese: Exerzitien, Meditations- und Besinnungstage, Fastenkurse sowie Geistliche Begleitung. Es bietet auch selbst Kurse an, die die Suche nach Gott und der eigenen Identität fördern. Weiters versteht sich das Referat als Informationsstelle für spirituelle Fragen. In den Pfarren unterstützt es geistliche Initiativen und Gruppen.
Der aktuelle Kurskalender „Spirituelle Angebote“ ist erhältlich: Referat Spiritualität, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, Tel. 0732/76 10-3161; E-Mail: spiritualitaet@dioezese-linz.at
Exerzitien in Rom
Zum 75-Jahr Jubiläum lädt das Referat Spiritualität zu Exerzitien in der „Ewigen Stadt“. Zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln werden die Teilnehmer/innen Kirchen, Plätze und Sehenswürdigkeiten besuchen und nicht nur deren kunstgeschichtliche Bedeutung bedenken, sondern sich auch auf die geistliche Botschaft der Bauten einlassen. Exerzitien in Rom von 6. bis 16. Juni 2002, Leitung: Mag. Susanne Gross, P. Albert Oppitz CMM, Preis: E 718,–.