Nichts gegen einen Griechenland-Urlaub und die zu besichtigenden Sehenswürdigkeiten vor Ort einzuwenden! Ob Tempel, Kirchlein, Klosteranlage – nichts lässt man beim Kulturrundgang aus. Mit der Kunst vor der Haustür nimmt man es oft ein weniger genau. Was man vemeintlich kennt, interessiert auch nicht. Kann sein, dass einem dabei so manche verborgenen Schätze entgehen.
Musizierende Engel, „Minnesänger“ und Instrumente aus dem keinesfalls „finsteren“ Mittelalter gibt es im Stadtpfarrhof Steyr zu sehen (ab 11. Mai). Gotik-Schätze aus Oberösterreich können jetzt im ganzen Land neu entdeckt werden: in Stiften, Klöstern, Pfarren. Gotische Buchmalerei wird im Stift St. Florian präsentiert, „Gotische Glasmalerei im Licht der Moderne“ im Stift Schlierbach. Insgesamt wird Gotik an elf Schauplätzen ins Zentrum gerückt. Gotik und das „finstere“ Mittelalter? Diese Ausstellungsreihe bringt Licht in eine Epoche Oberösterreichs.
Hier abgebildet: „Maria Lactans“, um 1300, Statue aus Kalksandstein, zu sehen im Stift Kremsmünster.Im Mittelalter war Maria mehr als eine historische Frauengestalt. Poetische Vergleiche lassen sie als „Eva“, als „apokalyptisches Weib“ und als Abbild der Kirche erscheinen. Ein Beispiel: Im Missale Goticum (um 700) heißt es: „Eva hat den Tod in die Welt gebracht, Maria das Leben. Jene trinkt mit dem Saft des Apfels die Bitterkeit, diese gewinnt am Quell ihres Kindes die Süßigkeit.“ Im Stift Kremsmünster sind im Rahmen der Gotik-Ausstellung mittelalterliche Marienbildnisse zu sehen.
Gotik: Da kommt „froide“ auf
Kunst vor der Haustüre – verborgene Schätze werden sichtbar
Naturkatastrophen, Seuchen, politische Unruhen begünstigten das Verlangen nach Heil. Reliquienverehrung, Wallfahrten, Heiligenkult fanden auch baulich ihren Niederschlag.
Alltag und Religion bildeten im Mittelalter eine Einheit. Alle Lebensereignisse – von der Geburt bis zum Tod – hatten einen kirchlich-religiösen Bezug. Der erhöhte Bedarf an Gotteshäusern und Wohngebäuden führte zu einem großen Aufschwung im Bauwesen.
Die Gotik war die fruchtbarste Periode für den Kirchenbau in Oberösterreich. Der Bezirk Freistadt zählt 21 gotische Gotteshäuser. Das Wallfahrtswesen stieg an, der Heiligenkult und die Reliquienverehrung blühte auf. Durch die Berührung der Reliquie hoffte man, Heilung oder Linderung von seelischer oder körperlicher Not zu erlangen. Die Reliquien, die oftmals abenteuerlicher Herkunft waren, wurden in Reliquiaren aufbewahrt oder in Altären beigesetzt. Der 1496 geweihte Dreifaltigkeitsalter der Schneiderzeche in Steyr kann folgende Reliquien vorweisen: ein Partikel vom Grabe Christi, einen Stein, auf dem Maria kniete, „etwas vom Hirn des hl. Bartholomäus“, einen Zahn des hl. Maurus, Reste von den fünf bei der Brotvermehrung verwendeten Gerstenbroten. (Quelle: Kirche in Oberösterreich, Band 2).
Die Hochschätzung der Eucharistie zeigte sich in der Errichtung zahlreicher Seitenaltäre. In St. Florian brachte man es auf zwölf Seitenaltäre, an ihnen wurde oft gleichzeitig zelebriert. In diese Zeit fällt auch die Einführung der „Elevation“ bei der Wandlung: das Hochheben der eucharistischen Gestalten, unter heftigem Glockengeläute. Fronleichnamsprozessionen sind nach 1264 belegt. Monstranzen, Ziborien (Speiskelche), Sakramentshäuschen dienten als Aufbewahrungsorte. Die Bildhauerkunst erreichte in der Gotik einen Höhepunkt (Beispiele in Kremsmünster, Garsten, Wilhering), die Buchmalerei erlebte in St. Florian eine Blütezeit.
Diese Schätze der Gotik – vor der Haustüre, in der eigenen Pfarrkirche, im nahe gelegenen Stift – sind nun Thema der großen Ausstellung „gotik Schätze oberösterreich“. Im Schlossmuseum und an zehn weiteren Ausstellungsorten wird die Zeit der Gotik (1250-1520) beleuchtet: vom Leben im Alltag bis zur Kunstgeschichte reicht der Bogen.
Überblick
„In der Gotik strebt alles nach oben, das gilt auch für unsere Zeit - immer schneller, immer höher. Der Unterschied ist nur, dass die Gotik nie die Maße verloren hat, möge das auch uns gelingen“ – Diesen Wunsch äußerte Kulturreferent LH Josef Pühringer anlässlich der kürzlich eröffneten Gotik-Ausstellung. Die Ausstellung „gotik Schätze oberösterreich“ ist die bisher größte in der Geschichte des Schlossmuseums. Charakteristisch für diese Ausstellung ist die Verbindung von Kunst und Leben und der regionale Ansatz. Kunstschätze aus Klöstern und Museen werden großteils dort präsentiert, wo sie auch sonst zu finden sind oder ihre historischen Wurzeln haben. Stifte, Klöster, Kirchen stehen demnach im Mittelpunkt dieses Projekts. Gezeigt werden im Schlossmuseum (bis 27. Oktober): Hauptwerke der Plastik, der Malerei und des Kunstgewerbes. Ein nachgebauter Burg-Erlebnisraum lässt mittelalterliches Flair aufkommen.
Die nächsten Gotik-Ausstellungen in OÖ sind:
Harmonie der Welt
Die Ausstellung im Schloss Peuerbach beschäftigt sich mit dem Weltbild der Gotik. Themen: Astrologie, Mathematik, Alchemie, Medizin. Von 27. 4 – 3. 11. 2002, Info: Tel. 07276/20 14.
Ave Eva
Mittelalterliche Marienbildnisse stehen im Zentrum der Ausstellung „Ave Eva“ im Stift Kremsmünster. Die Besucher/innen sind eingeladen zu einer Spurensuche in den Stiftssammlungen. Von 29. 4 – 27. 10. 2002,Info: Tel. 07583/52 75-151.