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„Schmarotzer“-Debatte

Christian Winkler von der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung im Gespräch
Ausgabe: 2002/18, Winkler, Sozialschmarotzer, Kronen Zeitung, Fragile, Arbeitslosenstiftung
29.04.2002
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Kaum bemerkt von der Öffentlichkeit steigt die Zahl der Arbeitslosen. Vor allem junge Menschen sind betroffen.

Vor einem Jahr sprachen Politiker noch vom Weg zur Vollbe-schäftigung. Jetzt ist plötzlich die Situation ganz anders ...

Winkler:
Wir haben einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen. In Oberösterrreich waren im März 2002 28.706 Menschen ohne Job, das sind um 19 Prozent mehr als im März 2001. Und dazu kommt noch das Problem, dass immer mehr Menschen durch die Flexibilisierung und atypische Dienstverhältnisse kurzzeitig arbeitslos werden.

Was heißt das konkret?

Winkler:
Im Jahresdurchschnitt 2001 waren oberösterreichweit 22.875 Personen ohne Beschäftigung, im Lauf des Jahres standen aber 97.347 verschiedene Menschen zumindest für kurze Zeit ohne Job da. Durch Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung, freie Dienstverträge kommt es zu immer häufigerem Wechsel der Arbeitsstelle, weil diese Beschäftigungsverhältnisse vom Arbeitgeber her auf einen schnellen Wechsel angelegt sind. Das unternehmerische Risiko wird damit zum Teil auf die Arbeitnehmer abgewälzt. Die Flexibilisierung schafft einen enormen Druck.

Welche Gruppen sind besonders betroffen?

Winkler:
Die Baubranche, ungelernte Menschen und vor allem die Jugendlichen. Der stärkste Anstieg ist bei den 18- bis 24- Jährigen zu verzeichnen. Oftmals geht es darum, dass sie nach der Lehre nicht im Betrieb bleiben können. Zur Zeit sind 5.277 Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen im Alter von 15 bis 24 Jahren arbeitslos. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 32 Prozent.

Welche Maßnahmen fordern Sie für die jungen Arbeitslosen?

Winkler:
Wenn Menschen in einer Phase entäuscht werden, wo der materielle Aufbau des Lebens beginnt, wie zum Beispiel Auto und Wohnungskauf, dann kann das rasch zu Krisen führen. Oder zu einer „Sch... drauf Stimmung“. Das kann bis zum Abgleiten in Süchte wie Alkohol und Drogen gehen. Der Einstieg in das Berufsleben ist enorm wichtig.

Was sollen Bund und Land tun?

Winkler:
Wir brauchen mehr Beschäftigungsmaßnahmen für benachteiligte Menschen. Die vorgesehenen dreimonatigen Kurse sind einfach zu kurz. Und die Bildungsmaßnahmen müssen vor allem den Betroffenen angepasst sein: ihren schulischen Kenntnissen und ihrer psychischen Befindlichkeit. Oftmals leiden diese Jugendlichen unter mangelnder Belastbarkeit und Konzentration oder haben Probleme mit der Feinmotorik. Das dürfen aber keine Gründe für einen Ausschluss aus dem Berufsleben sein.

Welche Aufgabe sehen Sie in dieser Situation für die Kirche und im besonderen für die bischöfliche Arbeitslosenstiftung?

Winkler:
Für die Parteien ist Arbeitslosigkeit ein Thema, mit dem man taktieren kann. Wir müssen deutlich und klar darauf hinweisen, dass es um Menschen geht und soweit es uns möglich ist, unterstützen wir sie.

Die Kronenzeitung berichtet in einer Serie von Sozialschmarotzern ...

Winkler:
Untersuchungen sprechen von 5 bis 8 Prozent der Arbeitslosen, die soziale Leistungen auf irgendeine Weise missbrauchen. Keine Frage: dem gehört ein Riegel vorgeschoben. Aber es nützt nichts, wenn man den Druck auf die anderen 95 Prozent erhöht. Wenn auf eine offene Stelle in Oberösterreich zehn Bewerber kommen, dann kann man die Arbeitslosen nicht für ihre Situation verantwortlich machen.

Ich würde mir wünschen, dass man sich mit derselben Sorge wie um den Missbrauch, sich für gerechte Versorgung und Hilfe den Arbeitslosen gegenüber engagiert. Gleichfalls gibt es auch Missbrauch bei den Unternehmern.

Interview: Josef Wallner


ZUR SACHE


„Sozialschmarotzer“?


Frau K. (31 Jahre alt) arbeitet abends. Die Betreuung der Kinder (4 und 7 Jahre) übernimmt der Lebensgefährte. Als sie der Partner verlässt, muss sie kündigen. Sie kann die Kinder nicht allein lassen. Weil sie selbst das Arbeitsverhältnis löst, bekommt sie in den ersten beiden Wochen nach der Kündigung keinen Notstand – eine Maßnahme des Arbeitsmarktservices.

Bischöfliche Arbeitslosenstiftung


Mit der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung (gegründet 1987) hat die Diözese Linz ein Zeichen der Solidarität mit den Arbeitslosen gesetzt: Die Stiftung hilft in Kooperation mit der Caritas bei einzelnen Härtefällen, unterstützt Arbeitsinitiativen und versteht sich als Anwalt von arbeitslosen Menschen. Informationen über die Stiftung: Stifterstraße 28, 4020 Linz, Tel. 0732/78 13 70 oder im Internet: www.dioezese-linz.at/arbeitslosenstiftung


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