In der Stiftsbibliothek St. Florian befindet sich eine besonders schöne Handschrift einer „Biblia pauperum“ (Armenbibel).
Die lebendigen Federzeichnungen verbinden sich mit den in Schwarz und Rot gehaltenen Textpassagen und Schriftbändern.Nach allgemeiner Auffassung diente die Biblia pauperum (deutsch: Armenbibel) der Belehrung und Erbauung der einfachen Gläubigen. Die des Lesens Unkundigen sollten durch die Bilder in die biblischen Geschehnisse und zentrale christliche Glaubensinhalte eingeführt werden.
Ein Blick auf eine aufgeschlagene Buchseite zeigt, dass diese Meinung wenig überzeugend ist. Der Betrachter, die Betrachterin sieht keine farbenreichen Bilder oder dramatischen Erzählungen, die es in mittelalterlicher Buchmalerei sehr wohl gibt. Vielmehr sieht er sich schlichten Federzeichnungen und einer engen Verflechtung von Text und Bild gegenüber. Ohne Bibelkenntnisse und theologischem Vorwissen sind die Darstellungen nicht lesbar.
Selbst heutigen Gläubigen, die durch den Religionsunterricht über ein allgemeines Bibelwissen verfügen, das vielfach durch Predigten und Bibelrunden vertieft und erweitert ist, und selbst Student/innen der Theologie wird es schwer fallen, ohne weiteres etwa die Schilderung der Menschwerdung Christi in ihrer Komplexität zu erfassen. Die Biblia pauperum folgt in der konsequenten Gegenüberstellung alt- und neu-testamentlicher Szenen mittelalterlichem typologischem Denken, das die Geschehnisse des Neuen Testaments als Erfüllung der Ereignisse und Verheißungen des „Alten Testaments“ begreift.
Es braucht Übung im Sehen
Jede Buchseite teilt sich in zwei Szenen mit jeweils einem Text- und einem Bildblock; eine Doppelseite zeigt vier miteinander zusammenhängende Ereignisse. Es wird wohl den meisten gelingen, die Hauptszenen in den Medaillons zu erkennen: die Verkündigung an Maria, die Geburt Jesu, die Anbetung der Könige und die Darbringung im Tempel. Um aber die alttestamentlichen Szenen, wie die Verfluchung der Schlange und Gideons Vlies, Moses vor dem brennenden Dornbusch und den blühenden Stab Aarons, zu erkennen und das jeweilige Szenenpaar als Verweis auf Maria beziehungsweise die Geburt zu begreifen, verlangt es eine Vertrautheit mit christlicher Heilsgeschichte und eine Übung im Sehen. Die von jeweils vier das Medaillon rahmenden Propheten entrollten Spruchbänder zu entschüsseln, setzt voraus (Latein) lesen zu können.
Das heißt, die Bilder haben eine andere Funktion als ein Hilfsmittel für Ungebildete zu sein. Vielmehr ist anzunehmen, dass sie gebildeten Personen eine Möglichkeit boten, die vielfältigen Aspekte und feinen Bezüge christlichen Glaubens zu erfassen. Sehend werden komplexe Phänomene oft klarer begreifbar als durch komplizierte Argumentationen. Dies ist eine Kraft, die die Kunst bis heute nicht eingebüßt hat.