„Armut und Ungerechtigkeit sind mit militärischer Gewalt nicht zu beseitigen“, sagt Cesar Villanueva. Die massive Militärhilfe der USA im Süden der Philippinen führe deshalb zu einer falschen Sicherheit.
Deogracias Iñiguez (61) spricht aus, was sich viele Filipinos denken. Zwar dürfe man im Blick auf die US-Präsenz auf den Philippinen nicht überreagieren, meint der Bischof, aber gleichzeitig müsse man sorgfältig „nach geheimen Plänen fragen“. Denn dient die Anwesenheit von über 5000 US-Soldaten tatsächlich nur der Ausbildung philippinischer Einheiten im Kampf gegen 100 Abu-Sayyaf-Terroristen? So lautet zumindest die offizielle Version der Manöver, die seit sechs Monaten unter dem Code „Balikatan“ (Schulter an Schulter) laufen.
Christen auf der Insel Basilan, die besonders unter dem Terror zu leiden hatten, haben indes eine Unterschriftenaktion gestartet. Ihr Ziel: Die US-Truppen sollen über den 31. Juli hinaus bleiben. „Wir haben Angst, dass die Amerikaner abziehen, die uns Unterstützung und moralischen Halt geben“, meinen 3000 Unterzeichner der Petition an Staatschefin Gloria Macapagal-Arroyo.Cesar Villanueva bezeichnet, neben der Tötung des Abu-Sayyaf-Anführers vor einem Monat, deshalb auch die Zuwendung der US-Soldaten zur Bevölkerung als „offensichtliches Ergebnis“ von Balikatan. „Pioniereinheiten haben Straßen in unzugängliche Gebiete geschlagen und vielerorts neue Brunnen gegraben“, berichtet der Pax-Christi-Koordinator auf den Philippinen.
Gerechtigkeit löst Konflikt
Der Trend in den von Manila bislang extrem missachteten Landesteilen wurde zuletzt immer deutlicher. Villanueva: „Die Soldaten sorgen für Entwicklung. Das fördert den Glauben, dass der Konflikt als Ursache des Krieges militärisch lösbar ist. Diese Überbetonung birgt die Gefahr in sich, dass einer friedlichen Lösung keine Chance mehr eingeräumt wird. Was die Region jedoch braucht, ist Gerechtigkeit, Kampf gegen Armut und eine gute Regierung.“ Ein Krieg, der von Manila aus gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Moros, wie die Moslems hier heißen, geführt wird. „Das war ein Irrsinn“, meint Villanueva, was der mittlerweile aus dem Amt gejagte Staatspräsident Estrada angezettelt hat. „Jeder Moslem wurde zum Terroristen abgestempelt.“
In dem überwiegend von Christen (95 Prozent) bewohnten Inselstaat ist die Saat aus Furcht und Rache auf fruchtbaren Boden gefallen – schon vor dem 11. September. Dabei ist in keinem anderen Land weltweit der Dialog zwischen beiden Religionen so gut entwickelt. Seit Jahren treffen sich Katholiken, Protestanten und islamische Geistliche im „Bischöfe-Ulama-Forum“. „Bis zum Krieg hat es wirklich ein harmonisches Miteinander auf Mindanao gegeben. Auch jetzt wird gemeinsam viel für den Frieden getan“, sagt der Pax-Christi-Koordinator.Und wie beantwortet Cesar Villanueva die Frage nach den geheimen Plänen der US-Präsenz? „1992 mussten die USA ihre Luft- und Seestützpunkte auf den Philippinen, die bedeutendsten in Südostasien, schließen. Jetzt kommen sie durch die Hintertür.“
Walter Achleitner
HINTERGRUND
Ein Wunsch an den Norden
Was sich Cesar Villanueva, Pax-Christi-Koordinator auf den Philippinen, vom Norden wünscht, klingt eigentlich fastbanal: „Das Beste, das Ihr für uns tun könnt, ist, wenn Ihr uns eines erlaubt. Dass wir selber unsere Hindernisse überwinden dürfen, die uns vom Frieden fernhalten“, meint der Professor für Wirtschaft an der La-Salle-Universität von Bacolod im Norden der Insel Negros. Dass der Wunsch allerdings nicht so selbstverständlich ist, belegt Villanueva, der gegenwärtig auch Vizepräsident der internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi ist, mit dem Engagement der USA auf den Philippinen: „Sie sollten uns helfen, den Süden zu entwickeln. Aber uns mit noch klügeren und noch teureren Waffen auszurüsten, das tötet nur noch mehr Menschen.“
Im Gespräch mit dem Friedensaktivisten wird bald klar: Die Bewegung gegen Diktator Marcos und das Jahr 1986 haben ihn geprägt: „Die stärkste Kraft zur Lösung kommt von den Menschen, nicht von den Politikern.“ Deshalb steht im Mittelpunkt Villanuevas Wirtschaftswissenschaft vor allem der Aufbau der Gemeinschaft unter den Armen auf dem Lande und ihre Entwicklung. Schließlich sind „wirtschaftliche Gerechtigkeit und Entwicklung die wichtigsten Bauteile des Friedens“.