Ausgabe: 2002/29, Kind, Last, Christophorus, Kraft, Christus;
16.07.2002
- Matthäus Fellinger
Christophorus hatte das Talent zum Weltmeister. Doch er hat seine Kraft lieber für anderes eingesetzt.
„Christusträger“. Das bedeutet der Name Christophorus. Der legendäre Heilige sol, ohne es zu wissen, das Jesuskind durch einen reißenden Fluss getragen haben. Was es mit dem Heiligen wirklich auf sich gehabt hat, davon weiß die Geschichte kaum Faktisches zu berichten. Doch auch Legenden erzählen Wahrheiten. Es muss eine unglaubliche Wirkkraft von ihm ausgegangen sein. Im Umfeld des Christophorus haben Menschen ihre Gesinnung vollkommen umgekehrt. Der König von Lykien (heute in der Türkei gelegen) hasste die Christen. Um Christophorus auf die schiefe Bahn zu bringen, ließ er ihm zwei Dirnen schicken. Er würde schon „schwach“ werden. Doch die beiden Frauen kehrten als Bekehrte zurück. Sie waren vom Christus-Charme des Heiligen fasziniert. Der König rächte sich bitter in seiner Wut und ließ die beiden Frauen enthaupten. Eine andere Legende erzählt vom Tod des Heiligen. 200 Soldaten schickte der König aus, um des hühnenhaften Heiligen habhaft zu werden. Doch viele dieser rauen Männer bekehrten sich. Der König musste das Kontingent der Schergen verdoppeln, um ihn zu fassen. So wurde Christophorus schließlich enthauptet. Die Legenden um Christophorus, dessen Leben um das Jahr 200 anzunehmen ist, schildern einen Heiligen von großer und wirkkräftiger Gestalt. Er wirkte auf andere wie ein Kraftfeld, in dem Böses umgepolt wird zum Guten hin. Feindseligkeit wird aufgebrochen. Das Wunder der Bekehrung ereignet sich. Das Leben des Heiligen mag zwar legendenhaft ausgeschmückt sein. Bemerkenswert bleibt das eigentliche Wunder: Die nachstellende Gewalt der Feindschaft verwandelt sich in die Kraft zum Guten. Sie trachteten anderen nach dem Leben – und fanden selbst das Leben. Und auch die berühmteste Legende geht in diese Richtung: Ohne lange zu fragen, wer es denn ist, trägt Christophorus ein Kind durch den Fluss. Die Last wird ihm schwer. Und am anderen Ufer angekommen, entdeckt er: Es ist Christus gewesen. Christophorus ist kein Schulterklopfer, der sich und seine Kraft rühmt oder stolz darauf ist wie ein Weltmeister. Er nutzte seine Kraft, um andere zu tragen – ohne lange zu fragen, wer es denn ist