In den vorliegenden Lesungen und dem Evangelium zeigt Gott ihr weibliches Antlitz und ihr stetes Bemühen um die Menschen. Zunächst erfahren wir durch die göttliche Weisheit das Wesen Gottes. Gott trägt für alle und alles Sorge. Gott urteilt über uns menschenfreundlich gerecht. Wer sich gegen Gottes unbeschränkte Macht auflehnt, wird bestraft, aber in Milde. Der Mensch wird von Gott mit großer Nachsicht behandelt und dem Sünder wird bis zuletzt Umkehr gewährt. Ein solches Walten und Richten würdigt den Menschen in seiner Begrenztheit und Berufung zugleich.
Die Kraft der göttlichen Ruach (hebräisch, die Geistin) stellt sich uns zur Seite, wenn wir uns zu verlieren drohen in der Wirrnis unserer Gefühle oder in den Verführungen des Alltags. Sie nimmt sich dann unserer Orientierungslosigkeit, unserer Not an. Wenn wir uns im Gebet nicht mehr ausdrücken können, wenn uns die Worte und die Einsicht fehlen, dann ist es die Geistin, die selbst bei Gott für uns eintritt. Gott erforscht unsere Herzen und weiß sowohl um unser Ganzsein als auch um unser Schwachsein. Genauso wie Gott um unsere Begrenzung und die uns zugedachte Fülle weiß.
Jesus vergleicht Gott im Gleichnis vom Sauerteig mit der Frau, die um die Wirkung des Sauerteiges weiß. Wie eine Frau erwartet Gott in aller Geduld und Liebe den Zeitpunkt, zu dem der Sauerteig seine Wirkungsmacht entwickelt. Dann gibt Gott ihn zum restlichen Mehl, damit der ganze Teig durchwirkt wird. Mit Kraft und Zuversicht knetet Gott den Teig so lange, bis er aufgeht und die richtige, die ihm gemäße Form erreicht. Wird er erst gebacken, kann er zur Nahrung für den Menschen werden und erfüllt dadurch seine innerste Berufung. In ähnlicher Weise wirkt Gott auf den Menschen ein. Gott wartet geduldig bis wir uns entfaltet haben, formt uns zurecht und am Ende unserer Zeit, schickt Gott die Engel, um uns zu richten: menschenfreundlich, milde und gerecht. Vor einem solchen „Gericht“ brauchen wir uns nicht zu fürchten, denn Gott verliert jede/n von uns nicht aus dem Auge und wiegt in Barmherzigkeit ab, ob wir ähnlich wie der Sauerteig unsere Bestimmung erfüllten.
Menschen hingegen sollen uns, laut Evangelium, nicht richten, abstempeln oder gar verurteilen. Auch wir sollen uns hüten, andere zu bewerten, zu verurteilen und zu richten. Denn Gott entscheidet letztlich, ob wir Gott in unserem Leben zur Wirkung gebracht haben, ob wir Wohnstatt für die göttliche Weisheit und die göttliche Geisteskraft geworden sind.