Schüsse auf Manoel Messias sollten den Widerstand der Kleinbauern von Curaça im Nordosten Brasiliens stoppen.
„Unsere Arbeit bringt sichtbaren Gewinn“, meint Harald Schistek. „Erstmals halten die Leute ihr selber verdientes Geld in Händen.“ Und so waren denn die rund 100 Teilnehmer/-innen auch begeistert an der Arbeit, als es am vorletzten Wochenende darum ging, weitere Pläne zu entwickeln. Die trotz extremer Dürre wachsenden Umbu-Früchte sollen gemeinsam vermarktet werden. Schistek, der als Mitarbeiter von Horizont 3000 (ÖED) die Arbeit in Juazeiro da Bahia begleitet: „Sie sehen eine Chance, sich aus der Abhängigkeit von Großgrundbesitzern und eingesessenen Politikerfamilien befreien zu können.“ Vom Treffen in Uauá ermutigt, haben sich auch Manoel Messias und die Kleinbauern aus Curaça auf den Heimweg gemacht, als sich gegen 16.00 Uhr dem Klein-Lkw ein Motorrad näherte und den Wagen zum Stoppen aufforderte. Vielleicht war es das unkenntliche Gesicht, im Sturzhelm verhüllt, warum der Lenker nicht hielt. Für die auf der offenen Ladefläche Sitzenden war es die Rettung. Denn der Pistoleiro musste auf den fahrenden Pick-up schießen. Neben zwei leicht Verwundeten wurde João da Mata de Jesus Silva lebensgefährlich verletzt. Angeschossen und mit schweren inneren Blutungen musste der 33-Jährige eine zweistündige Autofahrt auf holpriger Sandstraße nach Juazeiro überstehen. Damit sich dort für ihn die Türen des Privatkrankenhaus öffnen sollten – das Öffentliche ist für derartige Notfälle nicht gerüstet –, mussten 1800 Euro angezahlt und ein Blanko-Scheck ausgestellt werden. Erst dann konnten die Ärzte mit der Notoperation beginnen, in deren Verlauf dem Opfer eine Niere sowie ein Teil des Darmes entfernt werden mussten. Zwar war 48 Stunden später die akute Lebensgefahr gebannt. Wer die Kosten, nach vier Tagen bereits 5400 Euro, tatsächlich tragen wird, ist jedoch weiterhin unklar. Für den ebenfalls schwer verletzten Manoel Messias sollte der Spätnachmittag noch mit Hürden verbunden sein. Mit einem Beindurchschuss unterhalb des Kniegelenks kehrte er nach Uauá zurück, um den Mordanschlag zur Anzeige zu bringen. Doch der lokale Polizeichef weigerte sich, den Fall aufzunehmen. Um 18.00 Uhr sei es dafür zu spät, hieß es.18 Monate ist es nun her, dass Iroshi Kawades 10.000 Hektar gemeinsame Weidefläche der Kleinbauern von Curaça als sein Eigentum ausgibt (dazu linke Spalte). Fast genau so lang erhalten Manuel Messias und IRPAA-Mitarbeiter Morddrohungen. Denn sie haben den japanischstämmigen Großgrundbesitzer verklagt. Und die Chancen stehen gut, dass die Bauern Recht bekommen. Bis es jedoch so weit ist, müssen sie Geduld beweisen. „Und bevor nicht mindestens zwei von euch sterben, werdet ihr anscheinend keine Ruhe geben“, hörte Manoel Messias. Es war der Verwalter des Großgrundbesitzers, der ihm auf offener Straße noch in der Woche vor dem Mordanschlag gedroht hatte.
Curaça unter gutem Stern
Hintergrund
Für die Kleinbauern von Curaça war es der beste Boden. Und das bedeutet viel im Nordosten Brasiliens. Wo im Trockengürtel die Regentage rar und 100 Hektar notwendig sind, um eine Familie über die Runde zu bringen. Bester Boden, das waren für Curaça 10.000 Hektar. Von dort wurde das Dorf mit Wasser versorgt, dort wurde Gemüse gepflanzt und die Weidefläche genutzt. Bis vor 20 Monaten, als Iroshi Kawades kam. Er behauptete, das Land sei sein Eigentum, und ließ die 10.000 Hektar umzäunen. Zum Beweis legte der Großgrundbesitzer eine Urkunde vor. Er habe ein korruptes Landbüro gefunden, das ihm dieses Dokument ausgefertigt habe, hieß es im Dorf. Den Familien jedoch fehlte der Nachweis, dass sie seit jeher die Fläche gemeinsam nutzten. So suchte das Dorf Rechtshilfe bei IRPAA, dem „Institut für angepasste Kleinbauernlandwirtschaft und Tierhaltung“ im nahe gelegenen Juazeiro da Bahia. Die vom österreichischen Entwicklungshelfer Harald Schistek mitbe- gründete Organisation hat ein Ziel: ein dauerhaftes Verbleiben der Bevölkerung am Land zu ermöglichen und so der Landflucht entgegenzuwir-ken. Das Engagement wird aus Österreich mitgetragen: Die Dreikönigsaktion der katholischen Jungschar, die Aktion „Sei so frei“ (KMB-Linz) und Horizont 3000 (früher ÖED) unterstützen IRPAA. Mittlerweile beschäftigt sich ein Gericht mit dem Fall Iroshi Kawades. Für den Großgrundbesietzer scheint es nicht gut zu stehen. Seine Besitzurkunde könnte annulliert werden. Aber in Brasilien wird der Kampf um Boden von zwei Fragen bestimmt: Wie lange können die Menschen durchhalten? Und wie überleben sie, bis ihr Recht an-erkannt wird?