Wir leben heute in zweierlei Welten. In der körperlichen Welt des Überflusses und der Sattheit und in der seelischen Welt des Hungers, der sich in verschiedenen Sehnsüchten ausdrücken kann. Je mehr uns die materielle Seite der Brotvermehrung gelingt, desto weniger scheint die seelische Seite zu funktionieren. Wir müssen also die seelische Dimension dieser Jesusgeschichte anschauen: Das Wunder geschieht im Zusammenwirken von Gott und Mensch. Die Segnung des Brotes durch Jesus und seine Aufforderung an die Jünger „Gebt ihr ihnen zu essen“ bringen die Fülle.
Kehren wir diese Erzählung ins Negative, dann sehen wir, was gemeint sein könnte. Die größte Angst des Menschen ist nicht die Angst vor dem Verhungern, es ist die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Getrenntsein von anderen Menschen, das zwangsläufig in früherer Zeit das körperliche Verhungern zur Folge hatte. Wer immer selber sich sättigen kann, von seinem Hunger nach Tischgemeinschaft wird ihn das nicht befreien. Wo Menschen nicht teilen, teilen sie sich auch nicht mit, und wo sie sich nicht mitteilen, entstehen Räume der Einsamkeit. Diese Räume aber füllen sich mit bösen Dämonen. Dort lösen sich die Brote des göttlichen Überflusses in den Körben der Menschen auf. Das Brot des einen Korbes löst sich in Eitelkeit auf, das Brot des anderen in Missgunst und Neid. Der nächste Korb wird leer vor Stolz und wieder einer wird durch Aggression und Feindschaft verschüttet, und so wird jeder auf eine andere Art geleert Der nagende Hunger nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe bleibt.
Hier kommt das Teilen ins Spiel. Wenn Menschen aneinander gesunden wollen, müssen sie sehen, dass ihr Hunger nichts ist als die Sehnsucht nach der göttlichen Fülle in der Welt. Dann werden sie gegenseitig zu Nahrung, zu einem Lebensmittel im urprünglichen Sinn des Wortes, das Gott dem Menschen geschenkt hat. Wer dieses Wunder begreift, dem wird alles ein Wunder sein. Jesus sagt durch seine segnende Haltung: Wenn ihr einander zu essen gebt, wird Gott seinen Segen und seine Gnade nicht verweigern.
Je tiefer wir gehen, je weiter wir fragen, desto mehr wird die Gnade Gottes in der Schöpfung zur Gewissheit. Gott teilt sich mit, Gott schenkt und Gott ist die Fülle. Der tiefere Sinn in jeder Art von Brotvermehrung ist: Wo geteilt wird, ist die Gnade Gottes am Werk. Teilen heißt also buchstäblich: Teil der Schöpfung sein. Wer sich auf dieses Geheimnis einlässt, wird zum Geschenk Gottes für seine Mitmenschen und kann seine Mitmenschen – tiefere Weisheit – als Gottes Geschenk annehmen.