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Kurz vor dem Kollaps

Im Krankenhaus von Pirimiti ist das Elend Malawis unübersehbar
Ausgabe: 2002/32, Afrika, Malawi, Genmais,
07.08.2002
- Walter Achleitner
Die Station für unterernährte Kinder ist nur zu einem Drittel belegt. Mehr Lebensmittel gibt es derzeit nicht in Pirimiti. Seit der Choleraepidemie vor sieben Monaten ist vieles für das Krankenhaus unmöglich.

Vier Wochen lebt Endess schon im Krankenhaus von Pirimiti. Die 39-Jährige ist eine von 15 Frauen, die Platz gefunden haben in dem kleinen Haus, das die Station für unterernährte Kinder beherbergt. Zum dritten Mal versucht sie bereits, unter Mithilfe von Sr. Elizabeth Medi eines ihrer Kinder aufzupäppeln. Dazu gibt es proteinhaltige und abwechslungsreiche Nahrung – am Vormittag einen halben Becher Milch für Denis, ihren knapp dreijährigen Sohn.Die Chancen stehen gut, dass Endess mit ihren drei kleinsten Kindern das kleine Haus bald verlassen kann. „Es ist auch Zeit“, meint die Witwe. Vier Wochen liegen die Felder nun schon brach und sind ihre weiteren fünf Kinder sich selbst überlassen.

Sr. Elizabeth freut sich, dass die Proteinkur bei Denis zu wirken scheint. Und sie freut sich, dass die Station überhaupt Frauen aufnehmen kann, wenn auch nur 15. „Zwar bietet die Abteilung Platz für über 40 Frauen, aber unsere Lebensmittel reichen nicht für so viele. Kinder allerdings hätten wir genug“, erzählt sie. Erst vor einem Monat war die Abteilung vom Schließen bedroht. Eine Lebensmittelhilfe der Caritas Österreich über 20 Tonnen Mais sichert vorläufig die Arbeit.

Spuren der Cholera

Echter Notfall ist für Sr. Josephine Gowello die seit Monaten chronisch leere Spitalskasse: „Bereits am 15. jedes Monats ist das Geld aus, und dann können wir nicht einmal ein Kilo Reis kaufen“, klagt die Leiterin. Ebenso leer sind die Regale der Spitalsapotheke. Und leer ist auch das Haus, in dem bisher Frauen ab der 40. Schwangerschaftswoche auf die Geburt warten konnten. Dieses wurde für die Choleraepidemie nach dem Regen im Jänner benötigt. 300 Fälle wurden in Pirimiti eingeliefert. „Nicht nur, dass in dieser Zeit unser Jahresbedarf an Gummihandschuhen verbraucht wurde“, berichtet Sr. Josephine. „Noch schlimmer ist, dass wir keine Desinfektionsmittel haben, um Betten und Räume wieder verwenden zu können.“

In dem Krankenhaus für 37 Dörfer nahe Zomba, der einstigen Hauptstadt Malawis, ist in diesem Jahr niemand an Cholera gestorben. Aber nur deshalb, weil die Schwestern für Medikamente gesorgt haben. Denn die von der Regierung für den Fall einer Epidemie versprochene Gratisarznei war nicht ausgeliefert worden.
„Die Cholera, die sicher beim nächsten Regen kommt, wird noch viel schlimmer. Denn die Menschen hungern schon jetzt. Das macht die Krankheit tödlich“, meint die Leiterin des Krankenhauses. Und die Situation des Spitals beschreibt sie schon jetzt als „kurz vor dem Kollaps“. Sr. Josephine: „Dabei wollen wir helfen. Aber von Monat zu Monat erleben wir stärker den Niedergang.“

Malawi: Hungerhelfer kämpfen gegen die Uhr


Die Hilfe für das Überleben von Millionen Menschen in Malawi wird international nur sehr bescheiden unterstützt.

„Vielleicht weil es noch keine Bilder von verhungernden Kindern gibt“, ätzt Nicholas Mkwapata, „wird unsere Situation international nicht ernst genommen.“ Angesichts drohender Ernteausfälle und vorausgegangener Hungermonate hatte die Caritas Malawi bereits im März dieses Jahres weltweit um Hilfe gerufen. Caritas-Direktor Mkwapata: „Wir könnten landesweit rund 75.000 bedürftige Familien erreichen. Um ihr Überleben bis April 2003 zu sichern, benötigen wir dazu 2,5 Mill. Euro.“

Doch auch fünf Monate nach dem eindringlichen Hilfsappell sind die Reaktionen verhalten. Gerade für 20 Prozent der geplanten Hilfe hat Mkwapata grünes Licht erhalten, ausbezahlt sind gar erst 160.000 Euro, 20.000 davon kamen aus Österreich. Aus den Mitteln der Caritas-Augustsammlung soll dieser Betrag nun verdoppelt werden.
Dabei ist der Kampf gegen den Hunger auch ein Wettstreit mit der Zeit. Denn nicht nur dass weißer Mais jetzt noch günstig eingekauft werden kann (Kasten rechts unten): am Höhepunkt der letzten Krise, im Jänner 2002, kostete der Sack Mais 500 Prozent mehr als im Juli zuvor. Sondern auch angesichts geringer Transportkapazitäten und schlechter Straßen müssen jetzt die Lager gefüllt werden. Mit Einsetzen der Regenfälle im Jänner sind viele Dörfer gänzlich unerreichbar.

Ein Blick in das regionale Lager der Caritas in Mwanga offenbart die Folgen der ausbleibenden Unterstützung. Weniger als halb voll ist die Halle, vor der bereits jetzt Monat für Monat 27,7 Tonnen Mais an 554 Familien ausgegeben werden (dazu linke Seite). Die internationale Hilfe hat bisher für 600 Tonnen gereicht, einen 50-Kilo-Sack für 12.000 Familien. „Wir sind weit von unseren ohnehin bescheidenen Plänen entfernt“, klagt Mkwapata. Denn die von der Caritas erreichbaren 75.000 Familien sind nur ein Zehntel der 3,2 Mill. Hungernden.

Kopfschütteln

Benötigt Malawi wirklich nur 208.000 Tonnen Mais zum Überleben bis zur nächsten Ernte, wie USAID, die Hilfsorganisation der US-Regierung, in ihrem jüngsten Report ausgibt? Paul Ginies im Europa-Haus, der EU-Vertretung im Regierungsviertel von Lilongwe, sorgt mit seinem Zahlenspiel für Verwirrung. Erst auf mehrmalige Rückfrage lässt sich der EU-Experte für Nahrungssicherung festlegen. Ginies: „Der Bedarf liegt bei 600.000 Tonnen.“ Nicholas Mkwapata hingegen spricht von 700.000. Wie groß die Differenz in der Einschätzung ist, macht eine Zahl deutlich: Mit 95.000 Tonnen (18 Mill. Euro) hilft die EU dem südostafrikanischen Land. Und entsprechend ihren Vorgaben hat USAID bisher nur 19.940 Tonnen (10 Mill. Euro) bereitgestellt.

Angesichts dieser Einschätzungen schüttelt Nicholas Mkwapata den Kopf. Und erregt fügt der Caritas-Direktor hinzu: „Die Not ist jetzt schon so groß. Und wir wissen noch nicht, was wir in zwei Monaten noch zum Essen verteilen können.“




Ursachen für den Hunger:

Umwelt: Die Abfolge von Dürre und Flut (Mosambik und Malawi) verstärkt eine meist selbstverschuldete Not.
Schlechte Regierung: Mugabes Politik macht Simbabwe, bis 2000 die Kornkammer der Region, zum größten Hilfsempfänger.
Misswirtschaft: Malawi hat, angeblich auf Druck des Weltwährungsfonds (IMF), die strategischen Maisreserven verkauft.
Bürgerkrieg: Angola
Agrarpolitik: Fehlen landwirtschaftlicher Infrastrukturen, vor allem zur Bewässerung und zur Vermarktung (Sambia, Malawi).
Monokultur: Sowohl im Anbau (Malawi: Tabak und Tee) als auch in der Ernährung (fast ausschließlich Mais in Malawi).
Armut: Bevölkerung fehlt Geld, um Lebensmittel zu kaufen.

Dieser Ausgabe liegt ein Zahlschein der Caritas-Augustsammlung bei.




Zur Sache:


Genmais: Nur eine Geschmacksfrage?

War es zunächst eine Frage des Geschmacks, so erlebt das südliche Afrika derzeit eine Diskussion um genmanipulierte Nahrung. Denn im Unterschied zu dem in der Region gepflanzten weißen Mais beinhaltet die Nahrungsmittelhilfe aus den USA einen Mais, der gelb und noch dazu gentechnisch verändert ist. Mosambik, Simbabwe und Sambia lehnen nun diese Hilfe ab: Niemand kenne die Folgen gentechnisch veränderter Pflanzen auf die menschliche Gesundheit sowie die Umwelt. In Mosambik werden sogar Schiffslieferungen nicht entladen, die für Malawi bestimmt sind. Dort gilt die Meinung: „Statt verhungern besser Genmais!“
Anders als die US-Regierung, die mit kostenintensiven Maislieferungen die US-Bauern versteckt subventioniert und neue Geschäftsfelder für US-Konzerne eröffnet, fördern die EU und europäische Hilfsorganisationen den afrikanischen Regionalmarkt. Auch die Caritas Österreich achtet so auf genfreien Mais: „Wir werden kein Saatgut verteilen, das im nächsten Jahr nicht wieder verwendet werden kann. Denn das schafft nur neue Abhängigkeiten“, versichert Caritas-Präsident Franz Küberl der Kirchenzeitung.
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